Komplexes Thema:

Tumor-Erkrankungen bei Kleintieren

Bettina Kristof

Krebserkrankungen sind sowohl beim Menschen als auch bei Tieren im Zunehmen. Es wird zum einen intensiv daran geforscht, was die Auslöser dafür sein können, aber auch, wie man onkologische Erkrankungen bestmöglich behandeln kann.

Tumorerkrankungen sind sehr komplex und bedürfen ­einer individuellen Therapie – jeder Tumor ist anders, ­jedes Tier ist anders. Viel Erfahrung bei der Behandlung von Tumorpatienten und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den besorgten Tierhaltern sind wichtig.

Wir interviewten dazu Dr. Karin Gasser, die in der Tierklinik Rankweil für die Bereiche interne ­Medizin, Onkologie und Augenheilkunde zuständig ist.

Frau Doktorin Gasser, gibt es neue Erkenntnisse, warum Krebserkrankungen bei Kleintieren zunehmen?
Neue Erkenntnisse gibt es jede Menge. Dass Krebs­erkrankungen bei Kleintieren zunehmen, liegt hauptsächlich daran, dass die Tiere immer älter werden. Dies wiederum ist darauf zurückzuführen, dass die medizinische Versorgung und die Ernährung optimiert werden – die Tiere sterben nicht an anderen Erkrankungen. Krebs hat aber auch eine genetische Komponente: Manche Tumorarten können vererbt werden, das kommt vor allem bei Inzucht zum Tragen.

Warum sind geriatrische Patienten besonders betroffen?
Solange sich Zellen im Körper teilen, besteht die Gefahr, dass ein Tumor entsteht. Im Laufe des Lebens nehmen die Genmutationen zu, daher haben ältere Tiere eine höhere Wahrscheinlichkeit, an einem Tumor zu erkranken. Meistens müssen vier bis zehn Genmutationen vorhanden sein, damit überhaupt Krebs entstehen kann.

Welche onkologischen Erkrankungen treten besonders häufig auf?
Bei der Katze treten Lymphome besonders oft auf. Frei lebende Katzen mit heller Fellfarbe im Kopfbereich erkranken häufig an einem UV-Licht-induzierten Plattenepithelkarzinom, das sich speziell an den Ohrrändern, am Nasenspiegel und an den Unterlidern zeigt. Weiters ­leiden Katzen immer wieder an Weichteilsarkomen. ­Diese Tumoren sind oft sehr lange reaktionslos und für das Tier nicht schmerzhaft, deshalb werden sie meistens spät vorgestellt. Eine Heilung ist nur mit radikaler ­Chirurgie möglich, doch auch dann rezidivieren diese Tumoren manchmal. Hunde entwickeln besonders oft verschiedene Hauttumoren, zwei Drittel davon sind aber gutartig. Bei den bösartigen Hauttumoren kommt der Mastzelltumor vermehrt vor. Mammatumoren und Milztumoren sind ebenfalls häufige Erkrankungen bei Hunden. Zubildungen in der Milz können gutartig sein, aber trotzdem bluten. Vor allem bei Hunden ab zehn Jahren treten diese häufig auf. Wir sehen jede Woche mindestens einen Hund mit Milztumor. Hunde mit Nasentumoren werden bei uns ebenfalls oft vorstellig, das liegt möglicherweise aber auch daran, dass wir ein CT haben, weshalb andere Tierärzte zu uns überweisen. Lipome, vor allem bei übergewichtigen Hunden, sehen wir sehr häufig, die sind jedoch gutartig.

Wie gehen Sie bei der Diagnose vor?
Zuerst findet immer ein Gespräch mit dem Tierhalter oder der Tierhalterin statt. Davon erwarten wir uns möglichst genaue Angaben dazu, wann die Zubildung zum ersten Mal aufgetreten ist, ob sie das Tier stört, was sonst an Veränderungen am Tier aufgefallen ist – also ob das Tier schlecht frisst, unruhig ist, womöglich Durchfall hat, erbricht oder andere Symptome zeigt. Es gibt immer zwei Schienen bei der Beurteilung: Die eine betrifft den möglichen Tumor, die andere den allgemeinen Gesundheitszustand des Tiers.

Nach dem Erstgespräch untersuche ich das Tier klinisch. Wenn der problematische Bereich von außen zugängig ist, entnehme ich Gewebe. Zytologie oder Histologie sind also die nächsten Schritte, um eine Diagnose zu erstellen. Wenn der erkrankte Bereich innerlich liegt oder nicht punktiert werden kann, mache ich eine Blut- und Harnuntersuchung, um den allgemeinen Gesundheits­zustand des Tiers zu beurteilen. Tumormarker gibt es nur wenige, und diese sind meist nicht spezifisch für einen bestimmten Tumor. Eine Ausnahme bilden endokrine Tumoren, bei denen die Hormondiagnostik sehr hilfreich ist. So können zum Beispiel Morbus Cushing, Insulinome, hormonproduzierende Schilddrüsentumoren und Nebenschilddrüsentumoren diagnostiziert werden. Beispiele für Tumormarker sind Kalzium, das Parathormon-related Peptid, PTHrP, oder der BRAF-Mutationstest. Im Allgemeinen sind aber wie gesagt Zytologie oder Histologie für die Diagnose notwendig. Je nach Tumorart und Gesundheitszustand des Tiers braucht man für die ­Diagnose auch Bildgebung – Ultraschall, Röntgen, CT oder MRT. Die Bildgebung ist auch für das Staging und für die OP-Planung, falls indiziert, notwendig.

Die Diagnosefindung erfolgt sehr individuell, je nachdem, um welchen Verdacht es sich handelt. Wenn es beispielsweise ein Mastzelltumor in der Haut ist, den ich vermute, dann kann ich eine Feinnadelprobe nehmen und habe gleich ein Ergebnis. Wenn es dem Hund aber zum Beispiel schlecht geht und er viel trinkt, dann werde ich zuerst eine Blut- und Harnuntersuchung machen. Das alles ist natürlich auch eine Kostenfrage, denn allein die Diagnose kann ganz schön teuer werden. Wenn ein Tier öfter eine Blasenentzündung hat, dann werde ich mir zunächst nach der klinischen Untersuchung die Blase im Ultraschall anschauen. Es hängt also auch stark von der allgemeinen Befindlichkeit und den Vorerkrankungen des Tiers ab, wie ich bei der Diagnose vorgehe.

Welche Therapien bieten Sie in Ihrer Klinik an?
Wir bieten unterschiedliche Therapien an, je nachdem, um welchen Tumor es sich handelt und wie der Gesamt­zustand des Tiers ist. Wenn es möglich ist, entfernen wir den Tumor operativ. Die Chirurgie ist meist die beste kurative Therapie; alles andere ist eine Behandlung des Tumors, die nur selten kurativ ist. Man spricht hier inzwischen auch in der Humanmedizin von „treat cancer“ anstelle von „cure cancer“ – das bedeutet, dass der Tumor wie eine chronische Krankheit betrachtet und behandelt wird. Einige Tumorarten behandeln wir mit Chemo­therapie. Außerdem haben wir Kryotherapie mit Flüssigstickstoff bei minus 180 Grad im Programm. Dabei werden die Zellen vereist. Diese Methode wenden wir beim Plattenepithelkarzinom der Katze erfolgreich an; damit können wir im Frühstadium auch heilen.

Dann gibt es auch noch palliative Therapien, die vor ­allem dann zum Einsatz kommen, wenn man den Tumor nicht heilen kann oder wenn sich der Besitzer gegen eine andere Behandlung entscheidet. Mit der palliativen ­Therapie kann man dem Tier seine verbleibende Lebenszeit so ­angenehm wie möglich machen. Ich hatte vor eineinhalb Jahren eine Katze mit Weichteilsarkom an der linken Brustwand. Um den Tumor zu heilen, hätte man zwei bis drei Rippen entfernen müssen. Die Katze war bereits 16,5 Jahre alt, als sie vorgestellt wurde, und hatte sehr schlechte Zähne. Die Besitzerin wollte so eine große OP nicht mehr durchführen lassen.

Durch den Tumor war die Katze nicht beeinträchtigt, abgesehen von den Zähnen hatte sie einen guten Allgemeinzustand. Wir haben uns daher gemeinsam mit der Besitzerin dafür entschieden, den Tumor sein zu lassen und stattdessen die Zähne zu sanieren. Nach der Zahnsanierung hatte die Katze noch ein gutes Jahr mit deutlich besserer Futteraufnahme und Fellpflege. Erst nach einem Jahr ist der Tumor so groß geworden, dass die Katze mit 18 Jahren euthanasiert werden musste. Es ist also sehr individuell, wie man bei Tumoren vorgeht. Das Thema ist sehr komplex.

Wenden Sie auch alternative Heilmethoden an?
In gewisser Weise ist ja die Kryotherapie bereits eine alternative Heilmethode; sonst beschränken wir uns derzeit auf die klassische Schulmedizin. Mich würde die Elektrochemotherapie interessieren, die werde ich vielleicht in Zukunft anbieten. Für die meisten integrativen Methoden gibt es keine klinischen Studien, sondern nur Fallberichte. Mir ist wichtig, dass Therapien durch unabhängige klinische Studien abgesichert sind, damit man dem Tierhalter beziehungsweise der Tierhalterin gegenüber auch eine verbindliche Aussage machen kann. Man kann Tiere mit Tumoren zusätzlich zur medizinischen Therapie über die Ernährung unterstützen.

Der Scottish Terrier hat etwa gegenüber anderen Rassen ein 18-fach höheres Risiko, an einem Übergangszellkarzinom der Blase zu erkranken. Eine Zufütterung von Gemüse dreimal pro Woche reduziert bei dieser Rasse laut einer Studie das Tumorrisiko signifikant. Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sind entzündungshemmend und können vor oder nach einer Chemotherapie zusätzlich eingesetzt werden, wenn nichts dagegen spricht. Die häufigsten Nebenwirkungen bei Chemotherapie sind Durchfall oder Erbrechen – da kann man Pre- und -Probiotika einsetzen. Manchen Tieren hilft das Homöopathikum Nux vomica. Ich verwende aber lieber Antiemetika, bei denen ich den Wirkmechanismus kenne.

Welche weiteren Nebenwirkungen bei Chemotherapie gibt es?
Jedes Medikament hat andere Nebenwirkungen. Die meisten Chemotherapeutika wirken so, dass sie die Zellteilung hemmen; das heißt, sie wirken dort, wo sich Zellen schnell teilen, sprich im Tumor, im Magen-Darm-Trakt und im Knochenmark. Chemotherapie ist beim Tier anders als beim Menschen – wir verwenden beim Tier geringere Dosen als beim Menschen. Dem Tier ist höchstens ein paar Tage übel, dagegen gibt es auch Medikamente. Lymphome werden klassischerweise mit Chemotherapie behandelt – die Tiere bekommen die Therapie wöchentlich, die meisten haben gar keine Nebenwirkungen und fressen wie immer, sie sind höchstens etwas müder. Wenn die Nebenwirkungen stärker sind, muss die Dosis angepasst werden. Es ist ein Balanceakt zwischen Wirkung und Nebenwirkung.

Worauf muss man bei der Ernährung von Krebspatienten achten?
Wichtig ist, den Tieren hochwertiges Futter anzubieten. Man sollte beim Fleisch zum Beispiel keine Innereien und keine Schlachtnebenprodukte füttern, sondern Muskelfleisch. Wenn es dem Tier nicht so gut geht, gibt man besser leicht Verdauliches wie Nudeln und Reis – natürlich immer unter Berücksichtigung dessen, was der Hund gerne frisst und auch verträgt.

Für welche Behandlungen überweisen Sie an andere Spezialisten?
Für Bestrahlungen überweisen wir an andere Kliniken, zurzeit hauptsächlich nach Zürich, sonst auch nach München, aber da ist die Abteilung derzeit geschlossen. Das Plattenepithelkarzinom bei Katzen kann, wenn es nur oberflächlich ist, gut mit Kryotherapie behandelt werden. Wenn es tiefer geht, überweisen wir für die photodynamische Therapie nach Zürich.

Gibt es neue Erkenntnisse und Therapieansätze?
Unmengen! In der Onkologie wird am meisten geforscht, auch deswegen, weil immer mehr vergleichende Onkologie gemacht wird. Die Forschung für Mensch und Tier läuft parallel; Hunde werden als Modell für den Menschen verwendet. Die neuen Therapien sind allerdings oft teuer und es ist fraglich, ob sie für den Hund respektive den Besitzer, die Besitzerin letztendlich erschwinglich sein werden. Unter anderem wird im Bereich der Immuntherapie und der Radioimmuntherapie viel geforscht sowie bei Tumorvakzinen, mit gemischten Erfolgen. Ich habe vor Kurzem Professor Michael Kent kennengelernt – er ist Co-Leader des Comparative Oncology Program der University of California in Davis, sein Spezialgebiet ist Radioimmuntherapie. Man bestrahlt dabei einen Lymphknoten, das Immunsystem nimmt sich dort die kaputten Tumorzellen vor und bildet selbst Antikörper gegen diese Tumorzellen. Ähnlich funktioniert das bei Tumorvakzinen: Da nimmt man körpereigenes Tumorgewebe des erkrankten Tiers, wandelt es zu einer Impfung um und verabreicht es dem Tier. Es geht darum, dass man dem eigenen Immunsystem ermöglicht, die Immunabwehrmechanismen des Tumors zu überwinden und den Tumor selbst loszuwerden. Man nennt das spezifische Immuntherapie.

Kommt es vor, dass Tierhalterinnen und Tierhalter aufgrund der Kosten oder des zeitlichen Aufwands für Krebstherapien davor zurückschrecken?
Das kommt schon vor. Man sollte dem Tierhalter oder der Tierhalterin vor Beginn einer Therapie sagen, was sie kosten wird. Wenn ein Tier beispielsweise ein Lymphom hat, kostet die gesamte Behandlung in etwa 3.000 bis 4.000 Euro. Wenn das Tier schon sehr krank ist, muss man sich fragen, ob es die Behandlung überhaupt durchhält. Man muss auch immer den Gesamtzustand des Tiers berücksichtigen. Eine Option ist, mit der Therapie zu beginnen, und wenn man sieht, dass das Tier nicht anspricht, die Therapie wieder abzubrechen. Wenn der Tierhalter oder die Tierhalterin nicht über die finanziellen Mittel für eine Tumortherapie verfügt, kann man auch eine palliative Therapie anbieten – oder als letzte Möglichkeit das Tier erlösen, also einschläfern.

Die Diagnose Krebs löst ja auch bei Tierhalterinnen und Tierhaltern etwas aus. Wie gehen Sie persönlich mit den Ängsten der Besitzerinnen und Besitzer um?
Man muss auch die Menschen immer begleiten. Ich nehme das Wort Krebs nie in den Mund, ich sage meist Tumor, das klingt neutraler und ist nicht so ein Angst-macher. Es hilft, wenn Tierbesitzerinnen und -besitzer selbst sagen, warum die Alarmglocken losgegangen sind, dann kann man die Personen dort abholen. Aber manche hören gar nichts mehr, wenn sie die Diagnose erfahren haben, weil sie so aufgewühlt sind. Manchmal sage ich auch, dass wir heute keine Entscheidung treffen müssen, damit sich die Leute in Ruhe mit der Situation auseinandersetzen können. Wir haben auch Handouts für die gängigsten Tumorarten, die übergebe ich dann. Damit können sich die Tierhalterinnen und Tierhalter beschäftigen; ein paar Tage später besprechen wir, wie es weitergeht.

Wie geht es Ihnen persönlich in solchen Situationen?
Ich bin schon lange genug Tierärztin, ich kann mich ganz gut distanzieren. Für mich ist wichtig, dass ich das Beste für das Tier mache, aber auch mit Blick darauf, was dem Besitzer, der Besitzerin zumutbar ist. Letztendlich müssen aber die Tierhalterinnen und -halter die Entscheidungen treffen. Meine Aufgabe ist es, zu beraten. Meiner Erfahrung nach gibt es fast keine dankbareren Tierhalterinnen und -halter als die von Tumorpatienten: Sie sind dankbar, dass man sie begleitet und dass sie einen Ansprechpartner haben.

Haben Sie Tipps für die Kolleginnen und Kollegen, was man im Umgang mit Tierhalterinnen respektive -haltern von Tumorpatienten vermeiden sollte?
Das Schlimmste ist, wenn man sagt, dass man nichts mehr machen kann. Das sollte man auf jeden Fall vermeiden. Es ist wichtig, auf die Formulierung zu achten – man kann zum Beispiel sagen: Der Tumor ist zwar nicht heilbar, aber es gibt Behandlungsmöglichkeiten, mit denen wir dem Tier eine gute Lebensqualität ermöglichen können. Wenn gar nichts mehr hilft, dann kann man sagen: Wir können das Tier erlösen und den Übergang stress- und schmerzfrei gestalten.


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