Zukunft

der Kuhzunft

Tierärztin Tanja Warter

Überproduktion, Kälbertransporte, Preisprobleme und Klimawandel: Rinderzüchter haben es nicht leicht. Wie wir zu nachhaltigeren Modellen kommen können, haben wir Prof. Werner Zollitsch von der Boku gefragt.

Was macht eigentlich ein Professor für Nachhaltigkeit tierischer Produktionsprozesse?
Im Wesentlichen beschäftige ich mich mit Fragen der Zukunftsfähigkeit unserer landwirtschaftlichen Nutztierhaltung. Dazu zählen unter anderem zwei Aspekte der Nachhaltigkeit: einerseits die Nährstoffausträge von Nitrat und Phosphat und andererseits die Emissionen klimarelevanter Treibhausgase. Weiters geht es um Fragen der weltweiten Ernährung: Wie wirkt sich etwa die Food-Feed-Competition aus, also die Konkurrenz um das, was als Futtermittel dient, aber auch ein Lebensmittel für Menschen ist? Solange die Welt-bevölkerung wächst, ist das eine drängende Frage. Abgerundet wird meine Tätigkeit durch einen Blick auf die Zukunftsfähigkeit heimischer Betriebe, auf ihre sozio-ökonomische Lage, sowie auf Aspekte der Tierhaltung und des Tierwohls.

Die Coronakrise hat vielen – auch bislang uninteressierten – Menschen vor Augen geführt, wie wichtig regionale Produkte sind. Ist globaler Handel generell ein falscher Weg für die Lebensmittelproduktion?
Was man auf jeden Fall überdenken muss, ist das Thema der globalen Futtermittelmärkte, von denen wir abhängig sind. Muss unsere heimische Nutztierhaltung wirklich auf transkontinentalen Bezug von Proteinquellen aufbauen, Stichwort Soja aus Südamerika? Ist das schlau? Und wenn die Antwort ein Nein ist, wie schaffen wir dann den Ausstieg? Projekte wie „Donau-Soja“ sind ein Anfang, aber wenn wir den Sojaimport jetzt sofort stoppen, würden wir mit einem Schlag die Basis etlicher tierischer Erzeuger ausradieren, speziell natürlich bei Schweinen und Geflügel.

Aber für Rinderhaltung bietet sich Österreich mit seinen großen Anteilen an Grünland doch an. Wo Korn wächst, könnten auch Menschen davon leben, aber von Gras können wir uns nicht ernähren. Da liegt Wiederkäuerhaltung doch nahe.
Das gilt aber nur, wenn man standortangepasste Tierhaltung betreibt. Die Tiere sollen mit dem Futter zurechtkommen, das das Grünland bietet. Mit dem Lastwagen Kraftfutter auf einen Bergbauernhof zu bringen ergibt hingegen wenig Sinn.     

Wenn wir die Tiergesundheit – und dabei konkret das Milchvieh – betrachten: Was ist hier unter dem Stichwort Nachhaltigkeit zu verbessern?
Wichtige Indikatoren für nachhaltige Tiergesundheit sind unter anderem das Auftreten von Klauenproblemen und Mastitiden. Hinzu kommen Stoffwechselstörungen, die vor allem bei hoher Leistungsfähigkeit der Tiere auftreten. Es ist schon interessant: Befragt man die Züchter, was sie sich wünschen, steht an oberster Stelle immer die robuste Kuh – aber wenn es an die konkrete Entscheidung geht, welchen Stier sie auswählen, wiegt die Leistung immer mehr. Es passiert also zu wenig in Richtung der robusten Kuh. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Die gesellschaftliche Kritik an der Milchproduktion wächst, vor allem Kälbertransporte werden geächtet. Muttergebundene Kälberaufzucht ist ein alternatives Konzept. Ist das Ihrer Meinung nach nachhaltig und zukunftsfähig?
Ich denke schon. Das System hat hohes Potenzial, den Kälbertransporten etwas entgegenzusetzen. Noch sind Betriebe, die das umgesetzt haben, selten. Den meisten Landwirten fallen aus dem Stegreif zehn Gründe ein, warum sie das nicht machen können, und das sind nicht alles Ausreden. Man muss sich jetzt überlegen, wie man das Konzept praktikabel machen kann.

Ist es auch Ihrer Meinung nach an der Zeit für einen Kurswechsel in der Milchwirtschaft?
Das ist es schon lang, aber Umstellungen wie jene auf muttergebundene Kälberaufzucht sind nicht leicht. Als ich noch Student war, war es der Inbegriff des Fortschritts, dass ein Kalb unmittelbar nach der Geburt von der Mutter getrennt wird. Plötzlich konnte man genau kontrollieren, wie viel es trinkt und wie viel Gewicht es zulegt. Wenn Sie früher als Bauer da nicht mitgemacht haben, wurden Sie am Stammtisch geächtet. Es gab in den 1980er-Jahren Sprüche wie „Stroh im Stall, Stroh im Kopf.“ Unter diesen Vorzeichen muss man verstehen, dass Umstellungen schwierige Prozesse sind.

Erst recht, wenn eine neue Rasse in den Betrieb kommt …   
Das ist auch so ein Punkt: Wenn ein junger Bauer nach der Hofübergabe auf eine neue Rasse umstellt, bricht für die Alten oft ein Weltbild zusammen. Das hat enormes Konfliktpotenzial, weil die Alten das Gefühl bekommen, sie hätten ihr Leben lang alles falsch gemacht. Man muss das auch im soziokulturellen Kontext sehen. All diese Dinge gehen nicht von heute auf morgen.

Aber damals gab es zumindest noch keinen Milch-austauscher mit Palmfett aus Indonesien für die Kälber …
Richtig, die Spirale hat sich enorm weitergedreht. Darum werden die Widerstände auch größer. Die Gesellschaft akzeptiert das immer weniger.

Wie kann Landwirtschaft sich überhaupt verändern?
Wichtige Akteure sind die Standesvertretungen der Landwirte. Bei Kritik, gerade von Verbrauchern, gingen sie bislang gern auf Abwehr. Motto: „Das sind die Ahnungs-losen, die etwas gegen Bauern haben!“ Das bessert sich. Die Kammern haben in der Entwicklung  umsetzbarer Alternativen gemeinsam mit Wissenschaft und Praxis eine wichtige Rolle, besonders auch beim klugen Transfer in die breite Praxis. Es ist meiner Meinung nach jedenfalls ein Riesenproblem, wenn in der Öffentlichkeit einfach den Produzenten der schwarze Peter zugeschoben wird, ohne dass man die Komplexität des gesamten Systems versteht. Man muss sich da auch einmal in die Lage der Bauern versetzen. Die machen das nicht aus Jux und Tollerei.

Wie schwer wiegt zusätzlich der Klimawandel? Durch die heißen Sommer der Vorjahre mussten schon etliche Rinderhalter ihre Bestände reduzieren …
Die Klimawandelfolgen werden sich auf jeden Fall verschärfen, und Anpassung notwendig machen, vor allem östlich des Mostviertels wird es gravierende Änderungen durch Trockenheit geben. Besseres Gesundheitsmanagement der verbleibenden Tiere wird sicher eine Herausforderung werden. In vielen Ställen stehen schon heute Kühe, deren Potenzial bei Weitem nicht ausgeschöpft wird, weil wir ihre Ansprüche nicht erfüllen können. Es ist, als hätten Sie ein Formel-1-Rennauto und einen Fahrer, der nur gemütlich über Landstraßen tuckert. Da lässt sich noch viel verbessern.