Es geht ums Ganze!

Herdengesundheit in der Schweinemedizin

Dr. med. vet. Astrid Nagl
Tierärztin und Buchautorin

Betreuungstierärzt*innen setzen bei Besuchen im Stall all ihre Sinne ein und beobachten genau – Dr. med. vet. Christine Unterweger erklärt, was einen gesundheitlich gut geführten Schweinebetrieb ausmacht.

Nicht das einzelne Tier, sondern die Herde steht bei der Bestandsbetreuung von Schweinen im Vordergrund – Evaluierung und Verbesserung der Haltungsbedingungen sind dabei auch für das Eindämmen von gefährlichen Infektionskrankheiten entscheidend. Dr. med. vet. Christine Unterweger, Dipl. ECPHM, von der Universitätsklinik für Schweine der Vetmeduni sprach mit Dr. med. vet. Astrid Nagl über aktuelle Herausforderungen, diagnostische Möglichkeiten und die Freude an der Arbeit mit den Tieren.
 
In der Schweinemedizin sind regelmäßige Besuche der betreuenden Tierärzte üblich – auch in Betrieben, in denen alles in Ordnung ist.
Ja, denn Hauptaufgabe der Schweinepraktiker ist die Prophylaxe und diesbezügliche Beratung. Sauenführende Betriebe werden im Normalfall mindestens einmal im Monat von der bestandsbetreuenden Tierärztin besucht, das läuft über den Tiergesundheitsdienst. Es gibt standardisierte Betriebserhebungsbögen, u. a. zu den Haltungsbedingungen. Außerdem werden natürlich gesundheitliche Aspekte wie Gangbild, Atmung und Verdauung beurteilt. Bei diesen Besuchen ist die Wahrnehmung der betreuenden Tierärztin wichtig, man setzt alle Sinne ein und beobachtet genau – wir hören Tiere husten oder riechen Schadgase wie Ammoniak. Dann beraten wir die Landwirte, damit sie entsprechend frühzeitig reagieren können. Die Qualität der Beratung und der Zeitaufwand dafür sind essenziell für einen gesundheitlich gut geführten Schweinebetrieb. Eine angemessene Verrechnung für diese Beratungstätigkeit ist in der Praxis jedoch oft schwierig.

Wird auch digitales Herdenmonitoring verwendet?
Ja, durchaus, es geht in Richtung Digitalisierung. Als ein Beispiel möchte ich das Cough Monitoring System nennen, für das Sensoren in den Ställen montiert werden, die über mehrere Tage oder Wochen die Hustengeräusche messen – ein Frühwarnsystem sozusagen.

Wenn in einem Betrieb erkrankte Tiere auffallen, ist eine genaue Diagnose entscheidend.
Ja, es muss immer eine Diagnostik durchgeführt werden, da ja etwa auch keine Antibiotika ohne Resistenztest eingesetzt werden dürfen. Wir sind in der Schweinemedizin sehr gut mit diagnostischen Tools ausgestattet und können abhängig von der Altersgruppe der betroffenen Tiere die passende Methode wählen. An die Vetmeduni wenden sich viele Praktiker*innen mit einem akuten Problem in einem ihrer Betriebe – wir Mitarbeitenden der Universitätsklinik für Schweine besuchen die Betriebe im Unterschied zu den Praktiker*innen oft nur einmalig. Oft werden dann zwei bis drei betroffene Tiere mit der Tierrettung abgeholt und klinisch untersucht; nach der Euthanasie wird eine pathoanatomische und pathohistologische Untersuchung mit anschließenden weiterführenden Erregernachweisen durchgeführt. So kann eine genaue Diagnose gestellt und ein entsprechendes therapeutisches, aber auch prophylaktisches Vorgehen für den Gesamtbetrieb geplant werden.

Die Afrikanische Schweinepest wird derzeit auch in den Medien als große Gefahr für die österreichischen Betriebe gesehen.
Ja, früher oder später wird die Afrikanische Schweinepest wohl auch in Österreich ankommen, vermutlich zuerst in der Wildschweinpopulation. Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Bereits jetzt gibt es in der Schweine­gesundheitsverordnung viele Anweisungen, etwa die gesetzlich vorgeschriebene doppelte Einzäunung bei Auslauf, um den Kontakt zu Wildschweinen zu verhindern. Diese Maßnahmen sind hilfreich und funktionieren auch bei anderen übertragbaren Krankheiten, etwa der Aujeszky’schen Krankheit oder der Brucellose, die im österreichischen Wildschweinbestand vorhanden sind.
 
Auch PRRS, das Porzine Reproduktive und Respiratorische Syndrom, ist in Österreich weitverbreitet …
Ja. Da eine Infektion mit diesem Virus immunsupprimierend wirkt, gilt PRRS auch im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen als wichtiger Faktor – weil wir oft Antibiotika einsetzen müssen, um die Sekundärerreger zu bekämpfen. Derzeit wird bei uns im Rahmen eines TGD-Programms viel Geld in das Monitoring investiert. Abhängig vom Nachweis von Antikörpern und vom Virusnachweis aus Serumproben oder beispielsweise auch durch Einsatz von Speichelstricken werden die Betriebe in verschiedene Kategorien klassifiziert. Im Fall einer Viruszirkulation im Betrieb werden Impfmaßnahmen eingeleitet. Damit verbunden ist auch das Einhalten definierter Biosicherheitsmaßnahmen und der PRRS-Status der Betriebe wird regelmäßig nachgeprüft.

Würden Sie einem Betrieb, der PRRS-negativ ist, die Impfung empfehlen?
Das wird derzeit viel diskutiert. Prinzipiell hängt die Impfempfehlung vom Risiko eines möglichen Virus­eintrags in den Bestand ab. PRRS-negative ungeimpfte Tiere zeigen immer eine bessere Performance als geimpfte Tiere. Bei Letzteren kann außerdem ein Neueintrag mit Feldvirus leichter übersehen werden. Für den Fall eines akuten PRRS-Ausbruchs im Bestand ist die Impfung in Kombination mit symptomatischer Therapie und Behandlung der Sekundärinfektionen aber erfolgversprechend. Trotzdem reicht es nicht, zu impfen und zu therapieren, ohne das Management und die Biosicherheitsmaßnahmen zu adaptieren. Es ist wichtig, alles genau zu analysieren – wie laufen die Reinigung und die Desinfektion? Wie sieht der Pig Flow aus? Im Optimalfall sollten nur gleichaltrige Tiere in einem Raum aufgestallt und die Altersgruppen nicht gemischt werden. Bei der Schweineherdengesundheit sind es oft Kleinigkeiten, die aber einen großen Unterschied machen.

Welche Aspekte der Arbeit mit Schweinen schätzen Sie besonders?
Die Arbeit am Betrieb ist sehr abwechslungsreich – man muss stets mitdenken und seinen Grips einsetzen. Man hält sich im Zuhause der Tiere auf, schaut sich das Rundherum an. Man ist immer so etwas wie ein Detektiv, immer einer Ursache auf der Spur. Mir gefällt besonders der epidemiologische Schwerpunkt unserer Arbeit – vor allem, wenn ein Neueintrag einer Krankheit festgestellt wird, die dann mithilfe von diagnostischer Aufarbeitung und prophylaktischen Maßnahmen in den Griff bekommen werden kann.


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