Ethik

in der Nutztierhaltung

Bettina Kristof

Wir leben in einer Zeit, in der die Mensch-Tier-Beziehung einen gesell­schaftlichen Wan­del erfährt. Während Kleintiere jedoch immer mehr zu Familienmitgliedern werden, steht bei Nutztieren der ökonomische Faktor im Vordergrund.

Ethik in der Nutztierhaltung ist ein viel diskutiertes Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Ertrag, Tierwohl und Umweltschutz. Mit welchen moralischen Herausforderungen TierärztInnen dabei konfrontiert sind, hat Dr. Christian Dürnberger in einer Studie erforscht und das Ergebnis in einem soeben erschienenen Buch zusammengefasst.

Dr. Dürnberger ist Philosoph und arbeitet als Universitäts­assistent am Messerli Forschungs­institut an der Vetmeduni Wien (Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung) sowie als ­Dozent am Campus Francisco Josephinum Wieselburg.

Herr Doktor Dürnberger, Sie haben Philosophie stu­diert. Wie kamen Sie zum Thema Tierethik in der Nutztierhaltung?
Ich habe einen landwirtschaftlichen Background, meine ­Eltern hatten einen kleinen Milchviehbetrieb; doch ich wollte als junger Mensch etwas ganz anderes machen, habe daher Philosophie in Wien studiert und danach an einem Institut für angewandte Ethik in München gearbeitet. Da ging es dann über die Fragen rund um Mensch, Natur und Tier quasi über Umwege zurück zur Landwirtschaft, aber eben nicht mit einer praktischen Perspektive, sondern mit einer philosophischen.

Haben Ihnen Ihre landwirtschaftlichen Wurzeln dabei geholfen, in der Tierethik Fuß zu fassen und die Thematik besser zu verstehen?
Ich bin kein Tierethiker, denn diese beschäftigen sich mit dem moralischen Status der Tiere. Ich bin Philosoph und möchte moralische Kontroversen besser verstehen und beschreiben, ohne dabei zu sagen, was richtig oder falsch ist. Ich fokussiere dabei auf Menschen in der Mensch-Tier-­Beziehung und damit naheliegenderweise auf Bauern und Bäuerinnen und Tierärzte und Tierärztinnen. Natürlich haben meine Wurzeln in gewisser Weise geholfen, denn ich weiß ungefähr, wie Bauern und Bäuerinnen ticken, und ich weiß, wie ich einen Vortrag formulieren muss, damit er auch bei Landwirten und Landwirtinnen ankommt.   

Wo gibt es die größten ethischen Probleme in der Nutztierhaltung?
Wenn man schaut, was die Menschen von der Nutztier­haltung erwarten, hat man auf Platz eins leistbare Spitzenprodukte zu Spottpreisen. Auf Platz zwei steht Tierwohl, das bedeutet nach meinem Verständnis mehr als Tierschutz. Auf Platz drei haben wir Umwelt und Klimaschutz. Das sind die drei großen Erwartungshaltungen. Mit Blick auf Nahrungsmittel zeigen uns die Studien, dass die Menschen sehr zufrieden sind: Wir kennen Hunger nur aus Märchenbüchern. Dazu stehen landwirtschaftliche Produkte für Genuss. Mit Blick auf den zweiten Punkt zeigt sich, dass vielen Menschen Tierschutz nicht genügt, sondern dass sie Tierwohl einfordern.

Da geht es nicht nur um die Frage, ob das Tier Schmerzen empfindet, sondern beispielsweise auch darum, ob ein Tier die weitgehende Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster hat. Schweine etwa sind ja unglaublich intelligent: Langweilt sich ein Schwein in einem Stall oder kann es sich mit etwas beschäftigen? Bei Kälbern stellt sich beispielsweise die Frage, wann sie von den Kühen getrennt werden; das ist für viele Menschen ein großes Thema.

Bauern und Bäuerinnen haben in einer meiner Studien berichtet, dass sie auf Facebook angefeindet werden, weil sie – Zitat – „den Müttern ihre Kinder wegnehmen“. Das ist also ein sehr emotionales Thema. Mit Blick auf Punkt drei, also Umwelt und Klima, wissen wir, dass die ­Klimakrise uns alle trifft, nicht nur den landwirtschaftlichen Bereich. Davon sind alle Lebensbereiche betroffen, auch Tourismus und Mobilität, das heißt, es muss umfassende Veränderungen geben.  

Wie erleben das die Bauern und Bäuerinnen, wenn sie angefeindet werden?
Grundsätzlich darf man das Thema nicht überstrapazieren, denn laut Umfragen ist Bauer und Bäuerin aus Sicht der Gesellschaft einer der wichtigsten Berufe nach Arzt und Ärztin und Lehrer und Lehrerin. Sprich: Es gibt auch ­Wertschätzung für die Landwirte und Landwirtinnen. Über 94 Prozent der Menschen in Österreich gaben in einer jüngst veröffentlichten Studie an, dass sie ein ­positives Bild von der Landwirtschaft haben. Bauern und Bäuerinnen selbst sehen das anders; viele glauben, dass ihr Bild in der Gesellschaft eher negativ ist. Das kommt eventuell daher, dass Kritik oft laut ausgesprochen wird. Man sollte die Bauern und Bäuerinnen in der Ausbildung besser darauf vorbereiten, dass sie einen Job haben, der gesellschaftlich auch umstritten ist. Nicht zuletzt deswegen habe ich mein Buch „Ethik für die Landwirtschaft“ geschrieben.

Es gibt einen Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung, zumindest, was Kleintiere betrifft. Sehen Sie auch einen Wertewandel in der Nutztierhaltung?
Bei der Heimtierhaltung sind Tiere bereits Familienmitgliedern ähnlich. In der Nutztierhaltung steigen die Ansprüche der Gesellschaft, gleichzeitig wollen viele Menschen aber nicht mehr für landwirtschaftliche Produkte bezahlen. Wir müssen als Gesamtgesellschaft und als Individuen ­darüber nachdenken, welche Landwirtschaft wir verantworten ­können und wollen, denn die Bauern und Bäuerinnen haben derzeit fast keinen Handlungsspielraum – und wo kein Handlungsspielraum ist, können moralische Überlegungen keine große Rolle spielen. Das heißt, wenn die Gesellschaft eine andere Landwirtschaft möchte, muss sie einen politischen Willen entwickeln, Dinge zu ändern.

Beeinflussen bewusstere Konsumenten die Tierhaltung?
Heute gibt es mehr bewusste Konsumenten und Konsumentinnen als noch vor einigen Jahren; diese sind bereit, mehr Geld auszugeben, wenn gewisse Werte wie Tierwohl bestmöglich realisiert sind. Aber das sind insgesamt trotzdem nur wenige. Die allermeisten Menschen kaufen nach persönlichen Präferenzen ein: Was schmeckt mir? Was kann ich mir leisten? Diese Menschen beeinflussen die Tierhaltung natürlich auch, und zwar in dem Sinne, dass die Tierhaltung eben so aussieht wie jetzt. Aber wir dürfen die Verantwortung für diese Fragen nicht allein auf die Konsumenten abwälzen. Wenn die Politik der Über­zeugung ist, dass wir eine moralische Verantwortung für Tiere oder Klima­schutz haben, kann sie nicht darauf warten, bis 80 Prozent der Menschen ökologisch einkaufen – dann muss sie die Rahmenbedingungen entsprechend ändern. Das ist also auch und besonders eine politische Verantwortung. Die essenziellen Entscheidungen werden hierbei meines Erachtens jedoch nicht so sehr in Wien, sondern vor allem in Brüssel getroffen.

Ihr neues Buch trägt den Titel „Moralische Heraus­forderungen der Veterinärmedizin in der Nutztierhaltung“. Wie kam es zur Idee für dieses Buch?
Die Tierärzte und Tierärztinnen in der Nutztierhaltung ­haben einen bedeutsamen Job in einem Spannungsfeld, das für Kontroversen sorgt. Aber sie selbst werden als Berufsgruppe in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Man weiß eigentlich wenig darüber, wie das Leben als Nutztierpraktiker ist. Im Fokus meines Forschungsinteresses stand nicht nur, mit welchen moralischen

Herausforderungen Nutztierpraktiker konfrontiert sind, sondern auch, ob sie den Beruf nochmals ergreifen würden, was sie gerne in der Landwirtschaft ändern würden, was sie sich von der Berufsvertretung erwarten, und auch, was sie der jungen Gene­ration raten, die sich für diesen Beruf interessiert.

Welche Erkenntnisse haben sich aus Ihren Befragungen ergeben?
Ich habe Tierärzte und Tierärztinnen in Deutschland befragt, die im Bereich der Nutztierhaltung tätig sind. Die Studie ist nicht repräsentativ, der Fokus lag vielmehr auf offenen Fragestellungen. 123 Tierärzte und Tierärztinnen haben teilgenommen. Im Wesentlichen ging es mir um die Frage: „Was ist moralisch herausfordernd in Ihrem Job?“ Die wichtigsten moralischen Herausforderungen lassen sich als Rollenkonflikte beschreiben, denn die Tierärzte sind eben nicht nur Ärzte, sie sind gleichzeitig auch Anwälte der Tiere, Unternehmer oder auch Sozialarbeiter, um nur ein paar Rollen zu erwähnen, die die Teilnehmer in ihren Antworten angesprochen haben. Das Problem ist, dass die einzelnen Rollen konfligieren können: Als „Anwalt der ­Tiere“ möchte ich eventuell anders handeln als in der Rolle „Unternehmer“. Dies lässt sich gut bei Tierschutz­verstößen beschreiben: Wenn ich einen Landwirt wegen eines Tierschutzverstoßes anzeige, fällt er als Kunde wahrscheinlich weg und ich stehe als Denunziant da. Mein Handeln macht die Runde, und ich verliere weitere Kunden. Das bedeutet, wenn der Tierarzt nach seiner eigenen moralischen Überzeugung handelt, schadet er sich unter Umständen ökonomisch selbst. Aber auch andere Rollen treten in Konflikt zueinander: So sind Tierärzte auch oftmals eine Art Sozialarbeiter – manche Bauern leben allein und haben keine soziale Ansprache außer dem gelegentlichen Besuch des Tierarztes. Es kommt vor, dass der Bauer nicht besser lebt als seine Tiere, und zwar teilweise in völlig verdreckten Verhältnissen. Der Tierarzt bekommt die ­sozialen Prob­leme des Bauern natürlich hautnah mit und fragt sich: Kann ich diesem Menschen auch noch das Amt „auf den Hals hetzen“, weil ich Verstöße gegen den Tierschutz erkenne? Tierschutzrelevante Probleme korrespondieren oft mit Menschen in sozialer Schieflage, und mit diesen ­Menschen hat man natürlich Mitleid.

Kann man sagen, was die größte moralische Heraus­forderung für die Tierärzte und Tierärztinnen ist?
Die größte moralische Herausforderung aus Sicht der Nutztierärzte würde ich wie folgt beschreiben: Sie wissen, was für sie selbst in einer bestimmten Situation moralisch richtig wäre, aber äußere Faktoren hindern sie daran, ihre Überzeugungen auch in die Tat umzusetzen. Das entscheidende Hindernis ist hierbei der geringe wirtschaftliche Spielraum in der Landwirtschaft. Therapieentscheidungen sind entsprechend oft wirtschaftlich basiert, nicht veterinärmedizinisch. Hier sprechen wir von einem Konflikt Tierschutz versus Wirtschaftlichkeit in der Nutztierhaltung. Die ökonomische Frage ist die Kernfrage in der Nutztierhaltung. Ein Tierarzt spitzt diesen Gedanken auf die Aussage zu: „Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich Tierarzt bin – oder nicht doch Ökonom.“

Fühlten sich die Studienteilnehmer durch ihr Studium gut auf ihren Job vorbereitet?
Ich habe die Tierärzte auch gefragt, was in der veterinär­medizinischen Ausbildung benötigt wird, damit man zukünftige Tierärzte noch besser auf den Job in der Nutztierhaltung vorbereitet. Dabei kamen viele Aspekte zur Sprache; zwei möchte ich hier erwähnen: Die Tierärzte wünschen sich mehr betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse – diese braucht es, um eine Praxis erfolgreich führen zu können. Außerdem kam immer wieder die Forderung nach mehr Wissen über Bestandsbetreuung.

Was können Tierärzte tun, damit die Situation in der Landwirtschaft besser wird?
Die Frage setzt voraus, dass die Situation in der Landwirtschaft nicht gut wäre. Hier muss man differenzieren, denn die Nahrungsmittel- und Ernährungssicherheit hat einen unglaublich hohen Standard erreicht. Auch hierbei spielt die Veterinärmedizin eine Rolle. Klar ist aber auch: ­Viele Studienteilnehmer wünschen sich, dass sie den Tieren ­besser helfen können. Der Tierarzt vor Ort hat ­bestimmte Rahmen­bedingungen, innerhalb derer er seinen Job besser oder schlechter ausüben kann. Es zeigt sich in manchen Antworten aber eine gewisse Ohnmacht, weil man das ­große Ganze nicht ändern kann. Nutztierpraktiker brauchen daher einen gewissen pragmatischen Idealismus. Der Idealismus sorgt dafür, die großen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, aber man muss eben auch pragmatisch sein, weil man damit umgehen muss, dass nicht alles, was man sich wünscht, machbar ist.

Wie soll man als Tierarzt damit umgehen?
Nicht zuletzt kann der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen helfen. Tierärzte identifizieren sich meist stark mit ihrem Beruf, daher fällt es ihnen auch oftmals schwer, abzuschalten. Auch wollen sie nicht – das ist ebenfalls ein Ergebnis meiner Studie – mit jedermann über die Herausforderungen in ihrem Beruf sprechen; am ehesten aber wollen sie mit anderen Tierärzten und Tierärztinnen über die entsprechenden Konflikte reden. Und genau dies kann auch gut tun. Das Gespräch mit Gleichgesinnten mag nicht die glasklare Lösung liefern, aber es kann helfen, denn es vermittelt das Gefühl, mit den Problemen und Heraus­forderungen nicht allein zu sein.


Kommentar

Univ.-Prof. Hon.-Prof. Dr. Herwig Grimm
Universitätsprofessor an der Vetmeduni Honorarprofessor an der Universität Wien
Das interuniversitäre Messerli Forschungsinstitut ist eine Kooperation von Vetmeduni, Universität Wien und Medizinische Universität Wien.

Herr Professor Grimm, wie hat sich die Tierethik in der Nutztierhaltung in den letzten 50 Jahren ent­wickelt?
Es ist tatsächlich 50 Jahre her, dass ein wichtiges Buch erschien, mit dem die moderne Tierethik eingeläutet wurde: „Animals, men and morals“ nahm 1971 neben anderen Themen die Nutztierhaltung unter die ethische Lupe und die Tierethik, wie wir sie heute kennen, begann. Die Kritik an der massenhaften Nutzung und Tötung von Tieren in der Nahrungsmittelproduktion gehört neben Tierversuch und Pelztierhaltung zu den zentralen Themen der frühen wie der heutigen Tierethik. Die tierethische Kritik hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass heute mehr Bewusstsein für tierliche Ansprüche besteht und sich in den letzten fünf Jahrzehnten auch das Tierschutzrecht differenziert weiterentwickelt hat. Heute ist nicht mehr die Frage, ob landwirtschaftlich genutzte Tiere unseren Schutz verdienen, sondern vielmehr, wie wir das als Gesellschaft hinbekommen und wie weit dieser Schutz reichen soll. Und während es vor 50 Jahren Einzelne waren, die sich für dieses Thema interessiert haben, füllt das Thema heute Vortrags- und Hör­säle, Bücher, Journale, Tagungen, Forschungsinstitute und Lehrstühle.

Wie sieht die Prognose für die Zukunft aus?
Prognosen sind besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen, hielt Karl Valentin einmal ­überzeugend fest. Die Differenziertheit der Ausein­andersetzung nimmt zu, man kann heute nicht mehr Tierethik wie in den 70er-Jahren betreiben. Insbesondere die Zusammenarbeit von Ethikerinnen, Soziologen, Psychologinnen, Veterinärmedizinern, Biologinnen – kurz: interdisziplinäre Kooperation – ist aus der Tierethik heute nicht mehr wegzudenken und tut ihr und auch den anderen Disziplinen gut. Was davon bei den Tieren ankommt und umgesetzt wird, wird aber wesentlich davon abhängen, ob und wie das erarbeitete Wissen in die Gesellschaft getragen wird, denn die größte Baustelle sind nicht die ­Ställe, Wohnungen, Zoos und ­Labore, sondern die Köpfe der Menschen. Nicht zuletzt das macht die Tierethik deutlich.


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