Fütterung und Management bei Stoffwechselerkrankungen beim Pferd –

Bericht aus dem Praxisalltag

Dr. med.vet. Andrea Wüstenhagen
Ganzheitliche Pferdetierärztin

In den letzten Jahren treten zunehmend Stoffwechselerkrankungen beim Pferd auf, weshalb deren Behand­lung samt zugehöriger Fütterungsberatung bereits zu den Routinetätigkeiten von Pferdetierärzten gehört.

Zu den häufigsten Stoffwechselerkrankungen des ­Pferdes zählen das Equine Cushing-Syndrom (ECS) und das Equine Metabolische Syndrom (EMS), welche zu Begleiterkrankungen wie Diabetes und Insulinresistenz führen können. Als gefürchtetste Folgeerscheinung sei hier die Hufrehe genannt.

Da diese sehr schmerzhafte Huflederhautentzündung nicht nur behandlungsintensiv, sondern durch notwendige Anpassungen bei Hufbearbeitung, Fütterung und Haltung auch aufwendig und manchmal auch prognostisch ungünstig ist, soll die Hufrehe, wann immer möglich, verhindert werden.

Auch bei PSSM, KPU oder der Hyperlipidämie liegen Stoffwechselstörungen vor, die durch eine angepasste Fütterung und entsprechendes Haltungsmanagement meist gut in den Griff zu bekommen sind.

 

Ursachen und Folgeerscheinungen von Stoffwechselerkrankungen

Jede länger andauernde Überforderung des Stoffwechsels kann letztlich zu einer Erkrankung des Pferdes führen. Der Stoffwechsel ist körpereigenen Regulationsmechanismen unterworfen. Durch Stress, Schmerzen, nicht adäquate Fütterung, zu wenig Bewegung oder Krankheiten können diese Regulationsmechanismen überfordert werden.

Hier gilt es, mehrere Faktoren zu berücksichtigen: In den letzten Jahren werden immer mehr Pferde in Offenstallsystemen in Gruppen gehalten, vielfach mit Ad-libitum-Fütterung. Den unbegrenzten Zugang zu Raufutter als alleinige Ursache von Übergewicht und Folgeproblemen darzustellen wäre allerdings zu einseitig betrachtet. Klar ist, dass Pferden möglichst lange Fresszeiten mit möglichst kurzen Fresspausen geboten werden sollen, um Verdauungsprobleme – insbesondere die Entstehung von Magengeschwüren – zu verhindern. Bekannt ist mittlerweile aber auch, dass das (Wiesen-)Heu in weiten Teilen Österreichs viel zu zuckerreich ist, um als gesundes Grundfutter fürs Pferd eingesetzt werden zu können. Zahlreiche Heu­analysen belegen deutlich, dass es in den letzten Jahren zu einer teils massiven Veränderung der Gräserzusammensetzung auch auf nicht intensiv bewirtschafteten Pferdewiesen gekommen ist.

Hochzuckergräser wie das Deutsche Weidelgras haben sich stark ausgebreitet, was zu einem stark erhöhten Gehalt an Zucker und Fruktanen mit sinkendem Protein­gehalt im Heu führt. Die Verdauung und der Stoffwechsel beim Pferd sind an diese Zuckermengen nicht angepasst. Derart zuckerreiches Heu wird freilich gern gefressen, kann aber bereits bei einer Gabe von 1,5 kg/100 kg Lebendmasse pro Tier und Tag zu massiven Problemen führen und die Entwicklung einer Stoffwechselerkrankung begünstigen. Pferdebesitzer wie Tierärzte sehen einen zunehmenden Anteil an Pferden, die mit Übergewicht kämpfen. Gleichzeitig leiden viele Pferde trotz genügend Raumangebot an Bewegungsmangel, vor allem, wenn diese nur mehr freizeitmäßig genutzt werden und keine sportlichen Höchstleistungen erbringen müssen.

Auch die Gruppenhaltung an sich kann beim Pferd die Situation weiter verschärfen: Die Haltung im Gruppen­system funktioniert dort gut, wo Pferde ihren sozialen Kontakten gemäß in nicht zu große Gruppen zusammengestellt werden. Nicht immer ist dieses Leben in der Gruppe aber für das Pferd harmonisch: Ist die Gruppe zu groß, ein Ungleichgewicht zwischen Stuten und Wallachen vorhanden, kein ausgeglichenes Leittier vorhanden oder das betroffene Pferd schlicht zu wenig sozialisiert, bedeutet diese Haltung Stress für das Pferd.

Dauerstress führt zu einer Mehrbelastung des Stoffwechsels. Gleichzeitig versuchen viele Pferde, diesen Stress durch permanente Futteraufnahme zu kompensieren, denn Fressen und Kauen beruhigt den Magen und entspannt die Psyche.

In Summe führen die genannten Faktoren zu Störungen im Stoffwechsel. Stoffwechselschlacken werden nicht mehr rechtzeitig abtransportiert, was zu entzündlichen Veränderungen mit gesteigerter Histaminausschüttung in den verschiedensten Geweben führt. Häufig betroffen ist der Darm, aber auch die Huflederhaut des Pferdes.

Neben den erwähnten Stoffwechselerkrankungen kann eine Entgleisung des Stoffwechsels beim Pferd durch die Übersäuerung unter anderem auch zu Nervenreizungen, Rückenschmerzen, Wundheilungsstörungen oder chronischen Schmerzen führen oder die Entstehung von Aller­gien sowie auch beispielsweise Fruchtbarkeitsprobleme begünstigen.

Fütterung bei bzw. Management von Stoffwechselerkrankungen

Gerade bei der Behandlung von Stoffwechselerkrankungen beim Pferd sind ein Anpassen der Fütterung und ein Abstellen etwaiger Ursachen vorrangig.

Beides lässt sich bei Einzelhaltung wesentlich leichter umsetzen, da hier die Menge an vorgelegtem Grundfutter einfach kontrolliert werden kann. Besteht der Verdacht, dass hier zucker- und fruktanreiches Heu gefüttert wird, oder wurde dies durch eine Heuanalyse bereits bestätigt, ist ein „Verdünnen des Heus“ dringend anzuraten. Dabei wird das vorhandene Heu mit Stroh und/oder Luzerne gestreckt, um die notwendige Raufuttermenge pro Tag zu erreichen. In schweren Fällen kann die Heugabe bis auf ein Drittel reduziert werden, daneben wird ein Drittel Luzerne und ein Drittel Stroh gefüttert. Luzerne kann als Luzerneheu vorgelegt werden, aber auch in Form von Luzernehäcksel, -cobs oder Luzernepellets verabreicht werden. Luzerne enthält keinen problematischen Zucker und mehr Eiweiß; sie muss durch die gröbere Struktur auch gut gekaut werden, was die Speichelproduktion fördert und die Magenwand des Pferdes schützt.

Pferdebesitzer müssen hier häufig aufgeklärt werden, dass nicht das „Eiweiß“ im Futtermittel zu Problemen führen kann, sondern dass der „Zucker“ der Auslöser ist – und dass die Hauptmenge an „Zucker“ nicht durch Kraftfutter oder Leckerli gegeben, sondern vielfach mit dem Heu (und Gras) aufgenommen wird. Eine Anpassung der Fütterung durch Reduktion der Heugabe und Aufwertung der Grundfutterration mit Luzerne und Stroh kann im Offenstall selten realisiert werden. Hier wäre es wünschenswert, dass übergewichtige oder leichtfuttrige Pferde mit ähnlichem Futterbedarf in der gleichen Gruppe gehalten werden. Das Anbieten einer Heu- und einer Strohraufe sowie das Schaffen weiterer Beschäftigungs- oder Bewegungsanreize sind Möglichkeiten zur Veränderung des Fütterungsmanagements. Alternativ kann das betroffene Pferd nur zeitlich beschränkt von der Gruppe – und damit dem uneingeschränkten Zugang zum Heu – getrennt werden. Häufig stellt aber sowohl das Separieren des Pferdes als auch die regelmäßige Zugabe von Extrafutter (Luzernecobs o. ä.) eine nicht zu organisierende Aufgabe dar – für den Stallbetreiber und den Pferdebesitzer.

Conclusio

Stoffwechselerkrankungen können mittlerweile nicht nur durch ihre klinischen Anzeichen, sondern auch durch labordiagnostische Parameter sicher diagnostiziert werden. Pferdetierärzte können daher mit Nachdruck die notwendige Adaption bei der Fütterung empfehlen. Pferdebesitzern muss klargemacht werden, dass neben der eigentlichen Therapie die empfohlenen Maßnahmen umgesetzt werden müssen, um das Behandlungsziel zu erreichen und eine etwaige Hufrehe zu verhindern.