Impfprophylaxe gegen Reisekrankheiten

wie Leishmaniose & Co.

Priv.-Doz. Dr. med. vet. Michael Leschnik
Vetmeduni Vienna

Impfen ist in der Bevölkerung als wichtige und in der Regel auch effiziente Prophylaxe-maßnahme gegen zahlreiche Infektionserkrankungen weitreichend bekannt.

Neben den zahlreichen uneingeschränkten Befürwortern hat sich in den letzten Jahren eine Gruppe etabliert, die das Impfen und die damit verbundenen möglichen negativen Auswirkungen auf ein Individuum vermehrt hinterfragt – bis hin zur kompletten Ablehnung von sämtlichen wirksamen prophylaktischen Maßnahmen. Grundsätzlich müssen in dieser Diskussion verschiedene Argumente und Fakten erwähnt und gehört werden:

1) Impfen aktiviert das Immunsystem, nur so kann eine Impfung gegen eine zukünftige Infektion vorbeugend helfen. Damit sind aber auch mögliche Risiken verbunden, wie Fehl- und Überreaktionen des Immunsystems bis hin zu Autoimmunerkrankungen. Moderne Impfstoffe und Herstellungsverfahren minimieren dieses Risiko, sofern die Impfintervalle und Applikationsangaben der Hersteller beachtet werden. Als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Impfung sind natürlich auch ein entsprechend funktionsfähiges Immunsystem und der damit verbundene Gesundheitsstatus des Patienten zu beachten.

2) Mit einer Impfung verbunden ist eine jeweils individuelle Reaktion des Patienten, die nicht bei jeder Impfung gleich ablaufen muss. Hier sind die Aufklärungspflicht und ein entsprechendes Informationsgespräch hervorzuheben. Als Beispiele sind mögliche injektionsassoziierte Neoplasien bei der Katze zu nennen, sowie mögliche ungewünschte Immunreaktionen.

3) Nur das regelmäßige Impfen schützt auch über einen entsprechend langen Zeitrahmen.

4) Es soll gegen jene Infektionserkrankungen geimpft ­werden, bei denen entweder eine mögliche Exposition und/oder Übertragung vermutet werden kann bzw. es gesetzliche Rahmenbedingungen gibt, die spezifische ­Impfungen für verschiedene Situationen vorschreiben.

5) Impfintervallempfehlungen sind Empfehlungen und basieren auf dem Ziel sowohl eines individuellen Schutzes als auch dem Ziel des Schutzes der Gesamtpopulation vor einer Infektionskrankheit. Zusätzlich sind hier auch die möglichen Zoonosepotenziale zu erwähnen, die die Entscheidung zur Impfung beim Haustier beeinflussen sollten. Grundsätzlich ist für ein individuelles Haustier aber immer eine entsprechende Risikoanalyse durchzuführen, die sowohl mögliche Expositionen als auch Kontakte mit anderen Tieren und Menschen beinhalten muss.

6) Man muss zwischen Impfungen unterscheiden, die nach einem Erregerkontakt jegliche Vermehrung unterbinden und damit die Infektion verhindern, und Impfungen, die zwar eine Erregervermehrung in gewissem Rahmen zulassen, aber vor allem den Schweregrad der Erkrankung beeinflussen und reduzieren.

Somit sind die Rahmenbedingungen für ein Impfgespräch entsprechend vorgegeben, dieses wird auch von immer mehr Kunden gewünscht bzw. wohlwollend vermerkt. Die für Hunde und Katzen vorgegebenen Core-Vakzine werden als notwendig und sinnvoll für alle Hunde und Katzen angesehen. Die Non-Core-Vakzine sollten eben nach einer entsprechenden Risikoanalyse besprochen und bei Bedarf verabreicht werden. In Mitteleuropa sind die Impfintervalle für Core-Vakzine mit modernen Impfstoffen bereits auf Zeitperioden ausgedehnt worden, innerhalb derer ein ausreichender Impfschutz beim Patienten angenommen werden darf. Sofern es Zweifel an der Immunantwort gibt, kann man mit dem Messen entsprechender Impftiter aus dem Serum Hinweise auf einen entsprechenden Impfschutz erlangen. Hier ist vor allem den Referenzwerten der einzelnen Laboranbieter zu vertrauen, da die serologische Methode zu unterschiedlichen Titerergebnissen kommen kann. Als Ausnahme sei hier die Leptospirose-Impfung  genannt, nach der es auch bei entsprechendem Impfschutz nicht immer zu nachweisbaren Impftitern kommen muss. Auch ist die Leptospiroseimpfung des Hundes noch immer jährlich empfohlen, da aufgrund der guten Impflage in Österreich die Fallzahlen zurückgehen, aber noch immer permanent ein Gefahrenpotenzial für Hunde vorhanden ist. Für besondere Expositionssituationen ist die Infektionsrisikoanalyse entscheidend. Bei Katzen ist hier vor allem der mögliche Freigang zu beachten, sowie Transporte zu Ausstellungen und Zuchtpartnern. Bei Hunden ist vor allem die mögliche Herkunft aus dem Ausland oder die Reisebegleitung des Tieres ein Grund, das individuelle Impfschema anzupassen und bei Bedarf zu erweitern.

Als Reisekrankheiten werden vor allem Infektionskrankheiten bezeichnet, mit denen man im normalen Lebensumfeld des Tieres nicht rechnet.

Stellt in Mitteleuropa die Tollwut in den meisten Regionen keine aktuelle Gefahr mehr dar (seltene Ausnahme ist hier vielleicht noch die durch Fledermäuse übertragene Form), so sind einige Regionen in Europa und natürlich weltweit mit erhöhtem oder sogar sehr hohem Risiko behaftet. Sowohl der Import aus diesen Regionen als auch der temporäre reisebegleitende Aufenthalt dort bedürfen entsprechender Prophylaxemaßnahmen. Hier sind auf jeden Fall alle Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie immer noch die Region des Balkans zu nennen. Ansonsten sind die asiatische Türkei, Nordafrika, Südafrika sowie Indien und Mittel-/Südamerika als besonders gefährdet anzusehen. Hier ist vor der Abreise in solche Regionen auf jeden Fall eine Impftiterkontrolle zu empfehlen bzw. eine die empfohlenen Impfintervalle verkürzende Auffrischungsimpfung. Bei den gesetzlich vorgeschriebenen Tollwutimpftiterkontrollen zur Ein- oder Ausreise aus definierten Drittländern treten selten, aber doch Fälle von laut Impfpass adäquat geimpften Tieren auf, die keinen ausreichend hohen Impftiter aufweisen. Ähnliches gilt vor allem beim Hund auch für die Staupe und die infektiöse Hepatitis. Diese beiden Infektionserkrankungen sind zwar in Mitteleuropa präsent, allerdings treten klinische Fälle vor allem bei Hunden aus Endemiegebieten in Südost­europa auf. Zu den klassischen Non-Core-Vakzinen gehören die Babesienimpfung, die Borrelienimpfung und die Leishmanienimpfung für den Hund. Die Babesien- und Leishmanienimpfungen verhindern die Infektion nicht, sollen aber den Ausbruch schwerer Symptome und chronische Krankheitsverläufe verhindern. War die Babesiose des Hundes vor 20 Jahren eine klassische Reisekrankheit bei Hunden, die in Ungarn begleitend jagdlich geführt wurden, ist die Endemisierung in Ost- und Südösterreich nahezu flächendeckend abgeschlossen. Damit ist hier die Risikoanalyse entscheidend: Hunde ohne Zeckenkontakt oder mit entsprechend gut wirksamer Zeckenprophylaxe haben ein deutlich geringeres Infektionsrisiko als Hunde mit einem hohen Expositionsrisiko wie zum Beispiel jagdlich geführte Hunde. Die gleiche Risikoanalyse mit allerdings weiterer Verbreitung ist vor einer Borrelioseimpfung durchzuführen. Hier sind nicht nur Süd- und Ostösterreich als Endemiegebiet zu nennen, sondern vor allem Westösterreich weist hier eine besonders hohe Erregerprävalenz in der Zeckenpopulation auf. Zusätzlich ist bis heute kein klar definiertes Krankheitsbild bekannt, wobei es allerdings sehr wohl Hinweise gibt, dass Borrelien beim Hund zu chronischen Gelenksentzündungen führen können sowie als Auslöser von immun mediierten Erkrankungen fungieren. Die kolportierten Nebenwirkungen sind statistisch nicht häufiger oder schwerwiegender als bei anderen Impfungen.

Die Leishmanioseimpfung erfüllt nicht nur den individuellen Schutz des Patienten, sondern dient auch der Vermeidung der Endemisierung in Österreich und damit auch der Zoonoseprophylaxe. Diese Impfung muss vor der Ausreise entsprechend langfristig geplant werden, da hier drei Injektionen zur Grundimmunisierung vorgesehen sind. Auch diese Impfung verhindert die Infektion nicht, sondern beeinflusst die Immunantwort des Tieres in einer Weise, dass sich die gefürchtete chronische Verlaufsform nicht entwickeln kann. Zu empfehlen ist diese prophylaktische Maßnahme, wenn ein Aufenthalt in einem Endemiegebiet von mehr als drei Wochen Dauer geplant ist, oder dem Tier keine Sandmückenprophylaxe zugemutet werden kann. Abschließend muss erwähnt werden, dass prophylaktische Maßnahmen gut geplant werden sollen, eine für den Patienten individuelle Risikoanalyse erforderlich ist (besonders vor Auslandsreisen) und Impfungen auch im 21. Jahrhundert eines der wirksamsten Instrumente zur Vorbeugung von Infektionserkrankungen beim Haustier sind – bei gleichzeitig deutlich minimiertem Risiko von Nebenwirkungen.

 

Literatur  

Leitlinien der Ständigen Deutschen Impfkommission Veterinärmedizin.openagrar.bmel-forschung.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00001072/Leitlinie_Impfung_Kleintiere_2016-12-12.pdf

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