Die bakterielle Gefahr –

Mastitis im Kuhstall

Bettina Kristof

Faktoren wie das Stallmanagement, die Melktechnik sowie die Umweltbedingungen haben Einfluss auf die Entstehung von Mastitis. Der Rinderpraktiker Dr. Raphael Höller erklärt die Behandlungsmög­lichkeiten bei dieser Entzündungskrankheit.

Euterentzündungen sind eine häufige Erkrankung bei Rindern. Die gesundheitlichen Probleme können den gesamten Bestand betreffen und folglich zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen in den landwirtschaftlichen Betrieben führen. Über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten bei Mastitis sprachen wir mit Dr. Raphael Höller, Fachtierarzt für Wiederkäuer und Inhaber der Tierarztpraxis Höller Vet in Wallsee.

Herr Doktor Höller, Sie sind ein erfahrener Rinder­praktiker und täglich in landwirtschaftlichen Betrieben unterwegs. Warum tritt Mastitis so häufig bei Milchkühen auf?
Mastitis ist eine Faktorenkrankheit, die dann immer wieder gehäuft in Beständen auftritt, wenn die Risikofaktoren wie Melktechnik, Stallmanagement, Melkarbeit, Trockenstellmanagement oder Fütterung nicht passen. Obwohl der Betrieb weiß, dass er Eutergesundheitsprobleme hat, wird oftmals keine Ursachenforschung gemacht. Doch wenn man der Sache nicht auf den Grund geht, warum eine oder mehrere Kühe an Mastitis erkrankt sind, dann kann man nichts zum Besseren verändern. Wenn die Faktoren nicht abgearbeitet werden, tritt keine Veränderung ein. Bei Eutergesundheitsbestandsproblemen genügt es nicht, nur ein Medikament zu geben – es sind viele Einflüsse, die das Entstehen einer Mastitis begünstigen: Das Stallmanagement, die Melktechnik sowie die Umwelt­bedingungen spielen dabei eine massive Rolle. Es kommt auch vor, dass die Landwirte die Situation unterschätzen und den Tierarzt erst spät rufen, wenn die Erkrankung eines Tiers schon weit fortgeschritten oder bereits der Bestand betroffen ist. Darum ist es wichtig, dass der behandelnde Tierarzt die Landwirte darüber aufklärt, wie wichtig das Betriebsmanagement ist. Wird dieses optimiert, gibt es weniger Euterprobleme.

Wie viele Kühe beziehungsweise Betriebe betreuen Sie?
Ich bin Rinderpraktiker im Mostviertel, das zu den milchviehdichtesten Regionen Österreichs zählt. Unsere Praxis – drei Tierärzte und gelegentlich Praktikanten des Wiederkäuermoduls von der Vetmeduni Vienna – betreut circa 120 Betriebe, die Milchkühe haben. Der Großteil davon hat durchschnittlich 35 bis 50 Kühe, es gibt aber auch welche mit nur zehn oder auch 100 Kühen.

Kommt es bei Mastitis öfters zu Bestandsproblemen?
Ja. Lassen Sie mich das so erklären: Wenn man vier Autos hat und zwei davon nicht fahrtauglich sind, dann fährt man mit den zwei funktionierenden, bis diese auch nicht mehr fahrtauglich sind. Bei den Kühen ist das ganz ähnlich: Wenn ein Landwirt viele Kühe hat und einige davon Euterprobleme haben, dann fällt das nicht so ins Gewicht, wie wenn ein Betrieb nur wenige Kühe hat. Der Landwirt ruft den Tierarzt oft erst dann, wenn ein großer Teil des Bestands betroffen ist und das System kippt. Mein Steckenpferd ist die Eutergesundheit. Schon meine Dissertation habe ich über dieses Thema bei Professorin Winter, der jetzigen Rektorin der Vetmeduni Vienna, gemacht. Ich habe mich dann auch in meiner tierärztlichen Praxis auf dieses Thema spezialisiert und bin jetzt seit 14 Jahren Rinderpraktiker. Ich werde auch von Kollegen hinzugerufen, wenn es in einem Betrieb Probleme rund um die Eutergesundheit gibt, um das Problem gemeinsam zu lösen. Aus meiner Praxiserfahrung kann ich sagen: Immer die Faktoren abarbeiten, erst die Ursache finden und dann gezielt therapieren. Es geht darum, zuerst das Management und die Faktoren in den Griff zu bekommen – dann kann eine gezielte Therapie eingeleitet werden.

Streptococcus uberis als Auslöser einer Mastitis – wie kommt es dazu?
Zu einem Befall mit S. uberis kommt es häufig dann, wenn das Betriebsmanagement nicht optimal oder der Stall überbelegt ist. Das bedeutet für die Kühe zumeist Stress, mangelnde Hygiene und ein schlechtes Immunsystem.

Wie therapiert man da am besten?
Zuerst muss über eine bakteriologische Milchprobe ein Antibiogramm gemacht werden, um den Erreger festzustellen. S. uberis lässt sich zumeist gut mit Penicillinen in einer Long-Extended-Therapie über fünf bis sieben Tage behandeln. Außerdem müssen besonders das Stallmanagement – Stichwort Hygiene – und das Melkmanagement überprüft werden, vor allem dann, wenn nicht nur eine einzelne Kuh, sondern der Bestand betroffen ist. Dazu gehören eine Verbesserung der Stallhygiene mit speziellem Augenmerk auf die Liegeflächen, eine Kontrolle der Melkhygiene, eine bessere Zitzenreinigung und das Dippen der Zitzen, damit zwischen den Melkzeiten keine Keime in die Zitzen eindringen können. Günstig ist es auch, die Kühe nach dem Melken zu füttern, damit der Strichkanal genügend Zeit zum Schließen hat – etwa 30 Minuten –, bevor sich die Tiere hinlegen.

Wie therapiert man Kühe, bei denen das automatische Melksystem angewendet wird?
Im Wesentlichen nicht anders. Wichtig ist hier zusätzlich, die Technik des Melkroboters zu kontrollieren. Die Pulsatoren müssen einwandfrei funktionieren und die Melkbecher regelmäßig desinfiziert werden. Durchschnittlich gibt es beim automatischen Melksystem 2,8 bis drei Melkungen am Tag, abhängig vom Betrieb. Die Hygiene zwischen den Melkungen und das Dippen respektive Sprühen der Zitzen sind essenziell.

Bei der Behandlung von Mastitis werden noch immer häufig Reserveantibiotika eingesetzt. Warum?
Weil sie funktionieren – und weil man teilweise nicht drum herum kommt. Reserveantibiotika decken ein breites Spektrum ab und man hat bei einigen Medikamenten eine geringere Wartezeit auf die Milch und damit einen nicht so hohen Milchverlust. Als Beispiel kann eine Coli-Mastitis genannt werden – diese wird häufig in der täglichen tierärztlichen Praxis mit Reserveantibiotika therapiert. Aber wenn man sich mit Studien zu dem Thema beschäftigt, kann man nachlesen, dass 90 % aller Euterentzündungen mit Penicillinen behandelt werden können. In unserer Praxis versuchen wir, so oft wie möglich mit Penicillinen zu therapieren. Wir setzen immer mehr auf die nordische Mastitis-Strategie, welche eine Form der Behandlung ist, bei der man gänzlich auf Antibiotika verzichtet und stattdessen mit NSAIDS und Infusionstherapie oder Drench arbeitet – das ist allerdings recht aufwendig; da muss man sich auskennen, und man muss es den Landwirten erklären können. Ich hatte erst vor drei Wochen so einen Fall: Da wollte der Landwirt, dass wir ohne Antibiotika behandeln, und wir haben Entzündungshemmer verwendet. Die Kuh hat sich damit gut erholt.

Wie beugt man Mastitis am besten vor?
Das Um und Auf ist ein optimales Betriebsmanagement. Ganz wichtig ist das Gespräch mit dem Landwirt. Ich versuche immer, Überzeugungsarbeit zu leisten, warum Euterhygiene und Stallhygiene so wichtig sind. Eine gute Gesprächsbasis zwischen Landwirt und Tierarzt ist essenziell. Wenn das nicht funktioniert – wenn der Landwirt nicht auf die Empfehlungen eingeht und nichts verändert –, hat das Ganze keinen Sinn. Dann wird es immer wieder Euterentzündungen geben. In so einem Fall lässt man als Tierarzt lieber die Hände davon, denn wenn man bei S. uberis nicht auf die prädisponierenden Risikofaktoren – insbesondere Melk- und Liegeboxenhygiene – achtet und nur die Kühe mit Medikamenten behandelt, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Welche generellen Empfehlungen haben Sie an die Kollegen in Bezug auf Mastitis?
Ganz wichtig ist wie gesagt eine gute Zusammenarbeit zwischen den Landwirten und dem Tierarzt. Der Tierarzt sollte den Landwirt dafür sensibilisieren, wie wichtig ein funktionierendes Betriebsmanagement ist. Er sollte ihm auch Tipps und Verbesserungsvorschläge geben und darauf hinweisen, dass eine Einmalaktion nichts bringt. Hinter den Maßnahmen muss Konsequenz stehen, damit es zu einem dauerhaften Erfolg kommt. Ich habe schon erlebt, dass Landwirte denken, sie können mit den verbesserten Hygienemaßnahmen wieder aufhören, wenn die Zellzahlen wieder auf zufriedenstellendem Niveau sind. Vor allem im Sommer, wenn die Landwirte viel mit der Feldarbeit beschäftigt sind, werden einige Schritte bei der Melkarbeit reduziert. Das macht natürlich keinen Sinn, denn dann gibt es einen Rückschlag – die Zellzahl steigt wieder und man holt sich prompt die nächste Mastitis in den Stall.

Ich kann nur empfehlen, das Gespräch mit den Land­wirten zu suchen. Es gibt mittlerweile viele junge Landwirte, besonders junge Bäuerinnen, die aus anderen Berufen kommen und für die vieles Neuland ist. Die sind dankbar, wenn man sich um sie kümmert, ihnen die Risikofaktoren erklärt und Tipps zur Fütterung gibt. Die jungen Landwirte setzen das dann auch um. Man sollte den Leuten nicht von oben herab kommen, sondern ein Gespräch auf Augenhöhe mit ihnen führen und vor allem menschlich bleiben, damit der andere es auch annehmen kann. Auch zuhören ist sehr wichtig. Rinderpraxis bedeutet immer Stress, immer Vollgas – aber du musst jedem ein Ohr schenken, sonst funktioniert es nicht. Wenn gerade keine Zeit für ein Gespräch ist, dann sollte man einen Termin ausmachen, bei dem man dann Zeit zum Erklären hat. Das ist natürlich zeitaufwendig, aber es bringt viel. Als Rinderpraktiker muss man schon belastbar sein.

Feuerwehraktionen bringen kurzfristig etwas, aber langfristig zählen Konsequenz und ein optimales Management. Wenn der Betrieb in der Sanierungsphase ist, muss man ihn begleiten, Milchproben einschicken et cetera. Die meisten Betriebe sind beim LKV. Durch die Milchleistungskontrollen haben die Landwirte die Zellzahlen selbst im Blick, da können sie die Entwicklung mitverfolgen. Es ist wichtig, sie dafür zu sensibilisieren. Am Ende sollten dann alle Beteiligten zufrieden sein.