Ethische Aspekte

bei der Euthanasie von Heimtieren

Dr. med. vet. Svenja Springer
Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung, Messerli Forschungsinstitut

TierärztInnen treffen die Entscheidung zur Euthanasie immer unter Betrachtung von kontextuellen Faktoren wie der Verfügbarkeit diagnostischer und therapeutischer Methoden oder etwa der emotionalen Bindung zum Haustier.

Euthanasie ist ein zentrales Thema in der Heimtier­medizin und in den letzten zehn Jahren nochmals verstärkt in den Fokus der Debatten gerückt. Dies wird nicht nur anhand der stetig steigenden Anzahl an Publikationen deutlich, sondern auch an den divergierenden Ansätzen und Perspektiven, die das Thema behandeln. Bei alldem spielen nicht nur veterinärmedizinische Aspekte eine bedeutende Rolle (also die Art und Weise, wie eine Euthanasie unter fachlichen Gesichtspunkten durchzuführen ist) – die relevanten Diskussionen betreffen ebenso rechtliche, psychologische, soziokulturelle, ökonomische und ethische Aspekte und verweisen damit auf die Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas.

Per Definition wird Euthanasie als ein „guter, leichter und schöner“ Tod für das betroffene Lebewesen beschrieben, der ohne vermeidbare Schmerzen, unnötigen Stress und im mutmaßlichen Interesse des Tiers ablaufen sollte (Ach, 2013). Zudem muss die Entscheidung zur Euthanasie auf Basis eines „vernünftigen Grundes“ getroffen werden, welcher im § 6 Abs. 1 des österreichischen Tierschutzgesetzes verankert ist (Binder, 2018). Geht man von dieser Definition aus, so stellt die Tötung ein „Gut“ für das Tier dar. Dennoch wird eine Euthanasie nicht nur als ein „Segen“ wahrgenommen, sondern zeitgleich als eine Tätigkeit, die zu moralischem Stress bei Tierärzten führen kann (Hartnack et al., 2016).

Was macht Euthanasie zu einem moralischen Problem?

Unter der Prämisse, dass Tiere ein Bestreben haben, am Leben zu bleiben, steht die Frage zur Diskussion, inwieweit wir durch die Euthanasie Heimtiere ihres Interesses am Weiterleben und der Möglichkeit zur Existenz berauben; sie verweist auf den ontologischen Aspekt in diesem Kontext (Persson et al., 2020). Zudem führt die Euthanasie auf der Prinzipienebene zu einem moralischen Dilemma: Die ethischen Prinzipien „Leidvermeidung“ und „Lebensschutz“ konfligieren (Rollin, 2009; Yeates, 2010) – befreit man das Tier durch eine Euthanasie von seinem Leiden, verstößt man gegen das Prinzip des ­Lebensschutzes, will man das Tier am Leben erhalten, so widerspricht das im Fall eines schwer kranken Tiers dem Prinzip der Leidvermeidung. Des Weiteren können Tierärztinnen und Tierhalter nur auf Grundlage des mutmaßlichen Inte­­resses des Patienten eine Entscheidung treffen – sei es nun für oder gegen eine Euthanasie. Dieser Aspekt verweist auf ein epistemisches Problem (Persson et al., 2020) und führt zu den Fragen: Was sind die Interessen des einzelnen Patienten und wie lassen sich diese bestimmen? Und wie können Tierärztinnen die tierlichen Interessen advokatorisch in Entscheidungsprozesse mit einbinden?

Unter der Voraussetzung, dass eine Euthanasie auf ­Basis medizinischer Indikation und tierärztlicher Expertise durchgeführt wird, stellt sich im praktischen Berufsalltag weniger die Frage, ob ein schwer krankes Tier, welches unheilbar leidet, euthanasiert werden sollte oder nicht; noch, dass die medizinisch indizierte Tötung ein moralisches Problem für Tierärzte darstellt, obwohl es dem Prinzip des Lebensschutzes widerspricht (Springer u. Grimm, 2018). Vielmehr wird unter diesen Bedingungen die Euthanasie, die sich nach dem Best-Interest-­Principle des Tiers richtet (Grimm et al., 2018), als eine moralische Pflicht wahrgenommen, die sich durch positive (Förderung der Lebensqualität) und negative Pflichten (Vermeidung von Schmerz und Leid) des Tierarztes bzw. der Tierärztin gegenüber seinem bzw. ihrem Patiententier begründen und rechtfertigen lässt (Hartnack et al., 2016).

Euthanasie-Entscheidungen unter Einfluss kontextueller Faktoren

Aktuelle Studien und Publikationen verdeutlichen, dass das moralische Problem für Tierärztinnen im Kontext der Euthanasie nicht auf der allgemeinen Ebene der ­Prinzipien liegt. Aufgrund der für die Veterinärmedizin typischen trialogischen Struktur zwischen Tierarzt, Tierhalterin und Patient führen insbesondere kontextuelle Faktoren wie etwa finanzielle Limitationen auf Tierhalter­seite (Kondrup et al., 2016; Batchelor & McKeegan, 2012) emotionale Bindungen (Rebuelto, 2008), Verfügbarkeit diagnostischer und therapeutischer Methoden sowie wirtschaftliche Aspekte seitens des Tierarztes (Springer et al., 2019) zu herausfordernden Situationen. Nicht selten konfligieren diese Aspekte mit dem mutmaßlichen Interesse des Patienten. Tierärztinnen müssen in der Folge darüber reflektieren, inwieweit es die unterschiedlichen Interessen in Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen gilt und wie diese zu gewichten sind.

Anhand empirischer Studien wird deutlich, dass die medizinische Indikation für oder gegen die Euthanasie im weiteren Sinne immer einem Abwägungsprozess unterliegt und dadurch bestimmt wird, ob mögliche Alternativen durchführbar, zumutbar, technisch sinnvoll und leistbar sind (Springer u. Grimm, 2018). Vor diesem Hintergrund spricht Yeates (2010) sich für den Begriff der kontextuell gerechtfertigten Euthanasie aus. Mit dem Satz „for ­making the best of a bad job“ verweist er darauf, dass kontextuelle Faktoren dem Tierarzt in seinem Agieren Grenzen ­setzen können und dies nicht zu falschen Schuldzuweisungen führen sollte (Yeates, 2010, 71).

Darüber hinaus schließt sich stets die Frage an, welche Gründe einen „vernünftigen Grund“ zur Euthanasie darstellen. An dieser Stelle kann aufgrund der Kürze des Textes nicht ausführlich auf den rechtlichen Hintergrund des „vernünftigen Grundes“ eingegangen werden, auch ist es kein Anliegen des vorliegenden Textes, diesen differenziert darzulegen (Verweis auf Binder, 2018). Dennoch impliziert der „vernünftige Grund“ als unbestimmter Rechts­begriff, dass er zum einen in seiner Auslegung nicht invariant ist, sondern vielmehr gegenüber dem Wertewandel innerhalb einer Gesellschaft anschlussfähig bleiben soll. Zum anderen ergibt sich für Tierärztinnen ein Gestaltungsspielraum, dem es mit dem normativen Selbstverständnis der Profession und ihren etablierten Wertvorstellungen zu begegnen gilt, um zu einer rechtlich abgesicherten wie auch ethisch gerechtfertigten Entscheidung zu gelangen.

Euthanasie im Wandel der Tiermedizin – Ein Ausblick

Der Grund, warum die Euthanasie auch in Zukunft ein viel diskutiertes Thema sein wird, resultiert nicht nur aus dem von der Gesellschaft ausgehenden Wertewandel, sondern auch aus Veränderungen, die innerhalb der Profession erfolgen. Zum einen unterliegt die veterinärmedizinische Praxis einem stetigen strukturellen Wandel. So beeinflusst etwa die Möglichkeit der Gesundheits­versicherung für tierliche Patienten Tierärzte in ihrem beruflichen Alltag. Zwar ist die Anzahl an versicherten Hunden in Österreich mit knapp zehn Prozent relativ gering (im Vergleich zu Schweden, wo circa 80 Prozent der Hunde durch eine Gesundheitsversicherung versorgt sind), aber es ist davon auszugehen, dass zukünftig mehr Tierhalterinnen diese Möglichkeit ergreifen werden. Auf diesem Weg können lebensnotwendige und womöglich kostenintensive Therapien durchgeführt werden, die zuvor von Tierhaltern aufgrund ihres finanziellen Hintergrundes nicht in Anspruch genommen werden konnten. Selbstverständlich muss hier in den Blick genommen werden, wie diese Versicherungen und damit verbundene Einschränkungen – was wird letztlich von den Versicherungen bezahlt? – sich in der tierärztlichen Praxis bewähren. Dennoch können solche Möglichkeiten zur Reduktion der finanziellen ­Limitierungen und folglich des moralischen Stresses bei Tierärztinnen führen.

Zum anderen erfährt die Tiermedizin einen Anstieg an technischen Möglichkeiten und innovativen Methoden, die in gewisser Hinsicht der medizinischen Versorgung in der Humanmedizin kaum mehr nachstehen (Springer et al., 2019). Beispielsweise führt der Einsatz von Technologien wie der Computertomografie nicht nur zu einer Erkennung von Krankheiten in einem früheren Stadium, auch die zunehmende Anwendung moderner Operationsmethoden ermöglicht es Tierärzten, Patienten zu heilen, die vor einigen Jahren noch nicht behandelt werden konnten. Zeitgleich gibt es Situationen, in denen alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden und Tierärztinnen nicht mehr in der Lage sind, ein Tier zu heilen. Vor diesem Hintergrund verstärkt sich die Nachfrage nach einer palliativen Versorgung und einem Hospizangebot, bei denen nicht die Heilung, sondern ­individuelle Bedürfnisse des unheilbaren Patienten am Lebensende im Fokus der medizinischen Betreuung stehen (Goldberg, 2016). Die rasante Weiterentwicklung in der Tiermedizin und das Bestreben der Etablierung neuer Bereiche – wie etwa der Palliativmedizin und der Hospizmöglichkeit – indizieren, dass die Debatten nicht statisch sind, sondern dynamischen Prozessen unterliegen.

Folglich wird das Thema der Euthanasie zukünftig nicht nur mit der Frage „Wo und wann sollen die Grenzen bei der Behandlung von Patienten gezogen werden?“ verknüpft sein, sondern durch neue Felder wie Palliativ­medizin und Hospizbetreuung muss auch die Frage „Wie lassen wir Patienten sterben?“ (wissenschaftlich) verhandelt werden.

 

Referenzen

ACH, J. S. (2013): Ethische Aspekte der Sterbehilfe bei Tieren. In: HOFF, T., BUCK-WERNER, O. N., FÜRST, A.: Tierärztliche
Sterbehilfe. Schaefermueller Publishing, 8–14.
BATCHELOR, C. E., McKEEGAN, D. E. (2012): Survey of frequency and perceived stressfulness of ethical dilemmas encountered in UK veterinary practice. Vet Rec, doi: 10.1136/vr.100262.
BINDER, R. (2018): Euthanasie von Heimtieren: Das Tierschutzrecht zwischen Lebensschutz und Leidverkürzung. Wien Tierärztl. Monat – Vet Med Austria, 119–128.
GRIMM, H., BERGADANO, S., MUSK, G., KLAUS, O., POLLY, T., DUNCAN, J. (2018): Drawing the line in clinical treatment of companion animals: recommendations from an ethics working party. Vet Rec, doi: 10.1136/vr.104559.
GOLDBERG, K. (2016): Veterinary hospice and palliative care: a comprehensive review of the literature. Vet Rec 178, 369–374.
HARTNACK, S., SPRINGER, S., PITTAVINO, M., GRIMM, H. (2016): Attitudes of Austrian veterinarians towards euthanasia in small animal practice: impacts of age and gender on views on euthanasia. BMC Veterinary Research 12, doi:10.1186/s12917-016-0649-0.
KONDRUP, S. V., ANHØJ, K. P., RØDSGAARD-ROSENBECK, LUND, T. B., NISSEN, M. H., SANDØE, P. (2016): Veterinarian’s dilemma: a study of how Danish small animal practitioners handle financially limited clients. Vet Rec 179, doi:10.1136/vr.103725.
PERSSON, K., SELTER, F., NEITZKE, G., KUNZMANN, P. (2020): Philosophy of a „Good Death“ in Small Animals and Consequences for Euthanasia in Animal Law and Veterinary Practice. Animals, 10, 124.
REBUELTO, M. (2008): Ethical Dilemmas in Euthanasia of Small Companion Animals. The Open Ethics Journal 2, 21–25.
ROLLIN, B. E. (2009): Ethics and Euthanasia. Can Vet j 50, 1081–1086.
SPRINGER, S., GRIMM, H. (2018): Euthanasie als Thema der veterinärmedizinischen Ethik. Wien Tierärztl. Monat – Vet Med Austria, 129–138.
SPRINGER, S., SANDØE, P., LUND, T. B., GRIMM, H. (2019): „Patients’ interests first, but …“ – Austrian Veterinarians’ Attitudes to Moral Challenges in Modern Small Animal Practice. Animals, 9, 241.
YEATES, J. (2010): Ethical aspects of euthanasia of owned animals. Practice, 32, 70–73.