Auffallen um jeden Preis –

Verhaltensstörungen bei Hunden und Katzen

Bettina Kristof

Psychische Störungen eines Tieres sollten ausschließlich durch den Tierarzt oder die Tierärztin behandelt werden – dazu braucht es eine spezielle Interviewtechnik, um an die relevanten Informationen heranzukommen.

Wenn das Zusammenleben des Menschen mit seinem Haustier massiv gestört ist, kann eine verhaltensmedizinische Intervention helfen. Um das Problem zu lösen, ist eine genaue Analyse der Ursachen wichtig – erst dann ­können entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Wenn Zeit und Erfahrung fehlen, ist es sinnvoll, wenn der Haustierarzt mit einem auf Verhaltensmedizin spezialisierten Tierarzt zusammenarbeitet. Wir führten zu diesem Thema ein Interview mit Dipl. Tzt. Sabine Schroll, die eine Tierarztpraxis für Katzen- und Verhaltensmedizin führt und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Verhaltensmedizin bei Hund und Katze ist.

Frau Diplomtierärztin Schroll, wann besteht Anlass für eine verhaltensmedizinische Intervention bei einem Tier?
Lassen Sie es mich so formulieren: wenn ich aus tierärztlicher Sicht einen psychischen Leidensdruck bei dem Tier sehe. Stress oder Ängstlichkeit, die über einen längeren Zeitraum bestehen, sollten therapiert werden, weil chronische Probleme einen großen Leidensdruck für das Tier bedeuten, aber nicht unbedingt für den Menschen. Tierhalter unternehmen eher dann etwas, wenn es sich um akute Störungen wie die Angst des Tiers vor dem Silvesterfeuerwerk oder um einen vom Tier verursachten Sachschaden handelt.

Erkennt der Tierarzt Ängste oder Stress beim Tier so leicht als Verhaltensstörung?
Das ist ja genau das Problem: Ich wünsche mir, dass wir als Tierärzte bei der Untersuchung des Tiers die psychische Verfassung des Patienten immer mitbetrachten und evaluieren – vor allem auch mit dem Hintergrund, dass die Untersuchung und Behandlung psychischer Störungen, etwa einer Angststörung, eine dem Tierarzt vorbehaltene Tätigkeit ist. In der Praxis ist es leider so, dass wir uns oft nicht ausreichend darum kümmern; zum einen, weil wir uns nicht so gut auskennen, und zum anderen, weil es zeitaufwendig ist. Das Erkennen und Behandeln psychischer Probleme bedarf einer speziellen Interviewtechnik, die effizient ist, um vom Tierhalter die relevanten Informationen zu bekommen. Das alles kostet Zeit und muss – oder vielmehr: müsste – in Rechnung gestellt werden. Deshalb schicken wir Tiere mit problematischem Verhalten eher zu einem Tiertrainer, als uns selbst darum zu kümmern. Das ist aus meiner Sicht falsch, denn wie schon gesagt: Psychische Störungen des Tieres obliegen der Behandlung durch den Tierarzt. Ich sehe da auch eine gewisse Diskrepanz: Wir Tierärzte lieben Tiere, und trotzdem degradieren wir sie manchmal zu Objekten, die einer tierärztlichen Behandlung bedürfen. Wir machen auf der körperlichen Ebene gute medizinische Arbeit und vergessen darüber das emotionale Befinden der Patienten. Das ist jetzt kein Vorwurf, sondern es geht darum, das ins Bewusstsein zu rücken.

Steht die Behandlung psychischer Probleme beim Kleintier auf dem Lehrplan an der Uni?
Nein, eben nicht mehr, darum kennen wir uns ja auch nicht aus. Ich plädiere dafür, dass an der Uni zumindest die Basics in Verhaltensmedizin gelehrt werden, denn dadurch würden die Tierärzte den Blickwinkel auch proaktiv auf Verhaltensstörungen richten und diese erkennen. Es muss ja nicht jeder gleich Verhaltensmediziner werden; es genügt schon, wenn psychische Störungen als solche festgestellt werden und eine Überweisung an den Spezialisten erfolgt, denn dem Tier muss ja geholfen werden. In anderen Disziplinen machen wir das ja auch: Wir überweisen an den Orthopäden oder Zahntierarzt, wenn wir selbst nicht da­rauf spezialisiert sind und das Tier einen Facharzt braucht. Es fehlt in vielen Fällen einfach das Bewusstsein, dass ein Tier psychische Probleme hat und diese von einem Fachtierarzt behandelt werden sollten. Denn die emotionale Verfasstheit der Patienten ist für den Heilungsprozess nicht unerheblich.

Wo kann man sich zum Verhaltensmediziner ausbilden lassen?
In Österreich gibt es zum Beispiel eine postgraduale Ausbildung bei der VÖK in vier Modulen. In den USA und teilweise in Europa geht der Trend ganz stark in die Richtung, das Befinden der tierischen Patienten in der Praxis ernst zu nehmen. Es gibt bereits Ausbildungen, die das emotionale Wohl der Patienten in den Mittelpunkt ­stellen. Ich selbst bin zum Beispiel über Fear Free Pet zertifiziert, es gibt aber auch andere umfassende Ressourcen für den stressreduzierten Umgang mit unseren Patienten.

Was genau ist das Ziel einer Verhaltenstherapie?
Wir wollen ein emotionales Gleichgewicht wiederher­stellen, ein körperliches und psychisches Wohlbefinden. Die Tiere sollen lernen, dass es Mittel und Wege gibt, damit sie sich besser fühlen. Wir versuchen, Tieren Lösungen zu vermitteln. Wenn das Tier beispielsweise Angst hat, behandeln wir die Angst auch medikamentös, und dann zeigen wir ihm Strategien und Wege, wie es damit besser umgehen kann. Wir schauen darauf, dass das Tier artgerechte Lebensbedingungen hat, aber nicht zulasten des Menschen.

Wie geht man mit gestressten Kleintieren in der Praxis um?
Es ist wichtig, die Reizumwelt der Praxis zu analysieren und sie aus der Sicht des Patienten zu sehen. Dazu gehören Geräusche, Gerüche, aber auch, was sich optisch abspielt. Man sollte versuchen, alles zu reduzieren, was den Tieren Stress macht. Wenn man sich für eine Terminpraxis entscheidet, fallen der Stress mit anderen Tieren und das Warten schon einmal weg. Manche Patienten sind trotzdem so aufgeregt, dass sie vor der Untersuchung eine Prävisit-Medikation oder auch einmal eine Sedierung brauchen. Das geht entweder in der Praxis, oder man gibt dem Tierhalter schon vorab ein Medikament mit nach Hause, das das Tier vor dem Tierarztbesuch bekommt. Es hilft auch, mit den tierischen Patienten leise zu reden, Geduld zu haben und dem Tier Zeit zu geben. Es reicht oft schon, nicht gleich beim Betreten des Behandlungsraums mit der Behandlung loszulegen, sondern das Tier ankommen zu lassen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir die Verhaltensmedizin in den Alltag jeder Praxis bringen. Das würde den Tierarztbesuch für beide Seiten stressfreier gestalten!

Gibt es Besonderheiten im auffälligen Verhalten abseits der „üblichen Verdächtigen“?
Ich hatte da einen speziellen Fall mit einer zweieinhalb Jahre alten Katze, die in einem Haushalt mit vier anderen Katzen lebt. Die Katzen verstehen sich gut, doch plötzlich begann diese eine Katze, die dem Sohn der Tierhalterin gehört, in das Bett des Buben zu pinkeln. Die Tierhalterin berichtete auch, dass die Katze sehr brav und ruhig ist und kaum spielt. Da haben bei mir die Alarmglocken geläutet, denn eine junge Katze ist normalerweise nicht ruhig, spielt viel und stellt auch einiges an. Es war für mich der klare Hinweis darauf, dass die Katze ein körperliches Problem hat. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass sie zwei kaputte Hüften und einen Blasenstein hatte. Sie bekam als Erstes eine Schmerztherapie und wurde sogleich lebhafter und munterer. Es ist also immer abzuklären, ob hinter einer Verhaltensstörung ein medizinisches Problem liegt.

Gibt es bei der Behandlung von Verhaltens-auffälligkeiten eine Kombination aus unterschiedlichen Therapien?
Man muss einmal darauf achten, dass das Tier in einem lernfähigen Modus ist. Es muss die Informationen aufnehmen und in seinem Langzeitgedächtnis abspeichern. Das passiert nur unter bestimmten neurobiologischen Grundbedingungen. Das hat auch mit dem Cortisolspiegel zu tun: Hohes Cortisol verhindert Lernen. Ein panischer Patient ist nicht ansprechbar, ich erreiche ihn nicht. Dann findet Lernen nicht statt. Diesen blockierten Zustand kann ich am schnellsten durch angstlösende Medikamente wie Pheromone, Nahrungsergänzungen oder Serotoninwiederaufnahmehemmer abstellen. Wenn man die pathologische Ebene behandelt hat, dann funktioniert Lernen im normalen Zustand. Spezifisches Training macht der Tierhalter nach Anleitung entweder alleine oder mit einem Trainer.

Wie geht man bei der Auswahl der richtigen Therapie vor?
Nehmen wir an, ein Hund hat eine soziale Phobie und attackiert andere Hunde, weil er Angst hat. Als Erstes muss ich den Auslöser und die genauen Umstände definieren: Der Hund zeigt das aggressive Verhalten dann, wenn er an der Leine geht, wenn sich ein anderer Hund annähert. Sobald dieser auf zehn Meter herangekommen ist, kann ich ihn nicht mehr kontrollieren. Ich beginne ein Training dann bei 20 Meter Abstand und gebe ihm eine Alternative: Er soll mich anschauen. Das übe ich dann häufig und belohne den Hund, wenn er die Übung ohne Auffälligkeit schafft. Es braucht sehr viele Wiederholungen mit mildem Auslöser, bis der Hund die neue Gewohnheit aufgebaut hat. Irgendwann ist das neue Verhalten dann automatisiert. Bei sehr aggressiven Hunden kann man nicht immer gleich mit dem Training beginnen. Da ist es notwendig, vorher ein Medikament zur besseren Impulskontrolle zu verabreichen.

Sie haben in Ihrer Praxis hauptsächlich Katzen als Patienten. Können Sie mir noch einen interessanten Fall einer Verhaltensstörung schildern?
Aber gerne! Unlängst hatte ich einen Fall mit einer belasteten Katze-Mensch-Beziehung. Die Tierhalterin hatte zwei junge Katzen, beide ein Jahr alt, die den ganzen Tag allein zu Hause waren und Unfug getrieben haben, weil ihnen langweilig war. Sie haben Blumentöpfe und den Mistkübel umgeworfen, und die Besitzerin hat den Kater, den sie für den Schuldigen gehalten hat, beim Heimkommen bestraft. Der Kater hat daraufhin begonnen, sie in dem Raum, in dem sie massiv mit ihm geschimpft hat, zu attackieren. Dieses Verhalten hat sich dann auf den Rest der Wohnung ausgeweitet. Mit diesem Problem kam sie zu mir. In der Verhaltenskonsultation zeigte sich: Der Kater hat sich bedroht gefühlt, wenn seine soziale Distanz von eineinhalb Metern von der Tierbesitzerin unterschritten wurde, und versucht, sich selbst zu verteidigen. Es handelt sich also um ein Missverständnis. Dass mir die Tierbesitzerin von den Strafen erzählt hat, kommt nur zustande, wenn man sich in der Konsultation nicht konfrontativ verhält. Ich habe ihr dann die Bedürfnisse der Katze erklärt, habe eine Fütterungsstrategie für tagsüber empfohlen und Maßnahmen, um Dinge wie Mistkübel oder Blumentöpfe zu sichern. Außerdem führt sie jetzt ein Klickertraining am Abend und Übungen als vertrauensbildende Maß­nahmen durch.

Sie haben ja mehrere Bücher zum Thema Verhaltens­auffälligkeiten bei Kleintieren geschrieben. Welches würden Sie denn Tierärzten für ein besseres Verständnis der psychischen Situation von Hunden und Katzen empfehlen?
Da würde ich meine beiden Standardwerke „Verhaltensmedizin beim Hund“ und „Verhaltensmedizin bei der Katze“ empfehlen.