Fett statt fit:

Adipositas bei Kleintieren

Bettina Kristof

Wie so oft liegt es am Menschen, ob sein Vier­beiner übergewichtig ist oder nicht. Adipositas kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen für das Tier haben. Mit Bewegung und einem abgestimmten Ernährungsplan bekommt man das Problem aber gut in den Griff.

Massives Übergewicht bei Kleintieren ist nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern eine Erkrankung mit ernsthaften Begleiterscheinungen. Wir sprachen mit Mag. med. vet. Verena Senoner, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Mag. med. vet. Eva Rossmanith eine Tierarztpraxis in Baden bei Wien leitet, über ihre Erfahrungen mit Adipositas im tierärztlichen Alltag.

Frau Magistra Senoner, Adipositas bei Kleintieren ist ein ernstes Thema. Es heißt, dass mittlerweile circa fünfzig Prozent aller Haustiere übergewichtig sind. Können Sie das auch in Ihrer Praxis beobachten?
Eigentlich nicht. Es gibt Studien, die besagen, dass die Hälfte der Haustiere an Übergewicht leidet, aber diese Tendenz zeigt sich bei den Patienten in unserer Ordination nicht. Man kann sagen, dass circa zehn Prozent unserer vierbeinigen Patienten von Adipositas betroffen sind, aber diese sind dafür richtig dick. Wir verwenden in der tierärztlichen Praxis eine Messmethode, den Basic Score, mit dem man das Gewicht eines Kleintiers einordnen kann. Die höchste Stufe des Scores liegt bei zehn Punkten – unsere adipösen Patienten sind von sieben Punkten aufwärts angesiedelt, also wirklich fettleibig.

Was sind die Ursachen von Adipositas? Liegt es nur daran, dass die Tierbesitzer zu viel füttern, oder spielen andere Komponenten mit?
Es spielt eine große Rolle, dass zu viel und zum Teil auch falsch gefüttert wird, aber auch Bewegungsmangel – dies besonders bei Wohnungskatzen – hat einen Anteil an der Überfettung der Tiere. Kastration kann ebenfalls ein Mitverursacher von Adipositas sein. Es gibt Studien, wonach kastrierte Tiere 30 Prozent weniger Energiebedarf haben als unkastrierte. Ältere Tiere haben auch einen geringeren Energiebedarf. Wenn der Tierhalter die Futtermenge dann nicht anpasst, laufen diese Gefahr, zu dick zu werden.

Gibt es auch eine genetische Veranlagung für Adipositas?
Manchen Hunderassen, beispielsweise dem Labrador, fehlt das Sättigungsgen. Es ist sozusagen nachgewiesen, dass der Labrador einfach nicht weiß, wann er genug hat.

Wie hält man diese Hunderasse schlank?
Das Problem liegt beim Tierhalter, der ist gefragt. Er muss die Fütterung einschränken und anpassen und darauf achten, dass das Tier genug Bewegung macht. Er kann auch Spezialfutter geben, das weniger Kalorien enthält und bei dem die Ballaststoffe ein Sättigungsgefühl auslösen. Es gibt unter Hundehaltern einen Trend, der besagt, dass man vor allem Hunden keine oder möglichst wenig Kohlenhydrate füttern soll. Das ist in Ordnung, wenn das Tier eine Futtermittelunverträglichkeit hat, wobei daran oft gar nicht die Kohlenhydrate schuld sind. Kohlenhydrate sind in der Ernährung wichtig für einige Darmbakterien. Sie also zu verteufeln wäre kontraproduktiv. Wir empfehlen, bei einem übergewichtigen Tier, das weniger Futter bekommen soll, Sauerkraut dazuzugeben – das bewirkt ein angenehmes Sättigungsgefühl. Außerdem enthält Sauerkraut wertvolle Vitamine. Manche Tierhalter sind anfangs skeptisch und meinen, ihr Hund würde Sauerkraut nicht fressen. Tatsache ist aber, dass 80 Prozent der Hunde es sogar gerne fressen, wenn man es unter das Futter mischt. Sie bekommen auch keine Blähungen, aber mehr Kotvolumen. So hat das Tier ein gutes Sättigungsgefühl, denn wenn es viel Hunger hat, fängt es womöglich an, zu stehlen oder frisst alles, was es findet.

Wie überzeugen Sie skeptische Tierhalter davon, dass Sauerkraut eine gute Alternative ist?
Wenn jemand „Mein Hund würde das nie fressen!“ als Argument bringt, dann erwidere ich, dass sein Hund offensichtlich keinen Hunger hat. Wenn er wirklich hungrig ist, frisst er alles. Ich habe die Ordination seit acht Jahren, verhungert ist noch kein Hund in dieser Zeit. Wenn es um eine Futterumstellung geht, muss man mit dem Tierhalter alle Möglichkeiten besprechen, die es gibt. Es liegt am Menschen, ob der Hund übergewichtig ist oder nicht, und nicht am Hund. Der Besitzer ist verantwortlich für die Ernährung seines Vierbeiners, er stellt das Futter zur Verfügung. Manche Tierhalter haben ein schlechtes Gewissen, weil sie wenig Zeit für ihr Tier haben, und kompensieren das mit zu viel Futter, aber unterm Strich ist das nicht gesund. Übergewicht verringert die Lebenserwartung und kann zu schweren Folgekrankheiten führen.

Wie ist das bei Katzen – wie kann man eine übergewichtige Katze zum Abnehmen bewegen?
Wohnungskatzen sind eher gefährdet, zu dick zu werden; sie machen zu wenig Bewegung. In Mehrkatzenhaushalten gibt es oft das Problem, dass eine Katze dick und eine normalgewichtig ist. Die Tiere fressen häufig aus Frust oder Langeweile, oder weil sie sich nicht wohlfühlen. Die Futteraufteilung ist bei mehreren Katzen schwierig. Eine Möglichkeit ist die Verwendung eines Futterautomaten, der die Futtermenge pro Katze mittels Chip vorbestimmt. Die Katze muss allerdings den Kopf in den Automaten stecken, um an das Futter zu gelangen – das ist auch nicht jeder Katze Sache! Eine andere Alternative wäre Diätfutter, aber grundsätzlich ist es das Beste, der Sache auf den Grund zu gehen, warum die Katze zu viel frisst. Wir nehmen uns dann Zeit für ein ausführliches Gespräch mit dem Tierhalter und unterstützen eventuelle Probleme des Tiers mit komplementärmedizinischen Maßnahmen.

Welche gesundheitlichen Folgen kann Adipositas für das Tier haben?
Vorrangig ist zumeist der Bewegungsapparat betroffen. Häufig kommt es zu Arthrosen, weil die Gelenke mehr Gewicht tragen müssen. Dies wiederum führt früher zu Abnützungserscheinungen, verbunden mit Schmerzen. Innere Organe wie Herz und Leber können verfetten. Dazu kommt, dass ein adipöses Tier weniger Lebensfreude hat, weil das hohe Gewicht die Bewegung einschränkt. Übergewicht erhöht zudem das Narkoserisiko. Eine weitere Folgeerkrankung kann Diabetes mellitus sein.

Wie kann der Tierbesitzer selbst am besten erkennen, ob sein Tier gefährdet ist, zu dick zu werden?
Als Faustregel gilt: Wenn man seinen Hund streichelt und über die Rippen greift, sollte man sie gut ertasten können, sie sollten aber nicht sichtbar sein. Dann hat das Tier Idealgewicht. Wenn man es von oben herab ansieht, sollte es eine Taille haben und kein sichtbares Bauchfett.

Wie bekommt man Adipositas in den Griff?
Neben viel Bewegung braucht man für ein adipöses Tier einen genau abgestimmten Ernährungsplan. Das ist zeitaufwendig und lässt sich bei uns oft nicht in den Ordinationsalltag integrieren. Solche Fälle leite ich dann an spezielle Ernährungstierärzte weiter. Diese entwickeln dann ein exaktes Ernährungsprogramm und setzen die einzelnen Rationen zusammen. Generelle Empfehlungen, wie der Tierhalter Adipositas bei seinem Tier in den Griff bekommen kann, geben wir selber. Wir bieten auch an, den Hund regelmäßig bei uns in der Ordination auf die Waage zu stellen.

Wenn das Tier abgenommen hat, dann loben wir, damit die Besitzer dranbleiben. Motivation ist ganz wichtig, vor allem auch in Phasen, wo das Gewicht nicht nach unten geht. Man muss die Tierhalter abholen, sich ihre Sorgen und Bedenken anhören, für sie da sein. Dann besteht die größte Chance, dass sie die Empfehlungen umsetzen und das Tier schlanker wird. Zuhören ist ganz wichtig.

Einer meiner Patienten ist ein adipöser Spaniel mit fünf Jahren. Der Hund war zuerst normalgewichtig, doch plötzlich hat er rapide zugenommen. Dann haben wir versucht, zu eruieren, wie es dazu kommen konnte. Im Gespräch stellte sich heraus, dass die Tierhalterin einen kranken Mann zu Hause hat. Er leidet an Alzheimer und gibt dem Spaniel ständig Leckerlis. Er wird richtig böse, wenn er ihn nicht füttern darf; Erklärungen führen aufgrund seiner Erkrankung nicht weiter. In so einem Fall muss man gemeinsam überlegen – unsere Empfehlung war, Sauerkraut unter das Feuchtfutter zu mischen. Damit bekommt der Hund mit der normalen Nahrungsaufnahme weniger Kalorien. Die Leckerlis haben wir durch Diätfutter ersetzt, das ihm der kranke Mann nun geben kann. Der Hund wird nie schlank werden, aber man kann die Gewichtsprobleme mit diesen Maßnahmen eindämmen und in den Griff bekommen. Ohne das ausführliche Gespräch wären wir jedoch nie dahintergekommen, warum der Spaniel so zunimmt. Man muss sich also Zeit nehmen und nachfragen; es liegt oft eine andere Ursache hinter dem Problem, als man vermuten würde. Im Klinik-alltag eines größeren Betriebs ist dies meist nicht möglich. Unser Vorteil ist, dass wir eine kleine Praxis sind. Es ist unsere Nische, unser Steckenpferd, die Tierhalter intensiv zu beraten, zuzuhören, sich einzufühlen.

Welche Empfehlungen geben Sie Tierhaltern?
Wir versuchen von Anfang an, wenn der Tierhalter das erste Mal mit seinem Welpen in die Ordination kommt, das Thema Ernährung anzusprechen. Wir zeigen ihm eine Wachstumskurve, an der er erkennen kann, wie viel das Tier im Lauf seiner Entwicklung zunehmen soll. Damit fühlt sich der Tierhalter gut betreut. Wenn der Welpe von klein an richtig ernährt wird, kann man vermeiden, dass Fettzellen angezüchtet werden. Wir setzen auf Beratung und Prävention. Ich kann wirklich sagen, dass die Hunde, die wir von Anfang an betreuen, nicht übergewichtig sind.

Wenn ein Tier kastriert wird, machen wir den Besitzer darauf aufmerksam, dass er danach die Nahrungsmenge reduzieren muss, weil der Energiebedarf sinkt. Wir beobachten auch, ob unsere Empfehlungen umgesetzt werden, und fragen nach, ob alles passt. Wenn ein Tier zu dick ist und abnehmen muss, sollte es nicht mehr als ein Prozent seines Gewichts pro Woche verlieren. Alles andere wäre schädlich und nicht nachhaltig und außerdem anstrengend für den Besitzer und das Tier.

Es ist auch wichtig, alle Familienmitglieder miteinzubeziehen, wenn es um Gewichtsreduktion geht. Es müssen alle mitmachen, sonst funktioniert es nicht. Wenn sich der Tierhalter an den Ernährungsplan hält, aber die Oma den Vierbeiner mit Leckerbissen „verwöhnt“, wird dieser nicht abnehmen. Bei Freigängerkatzen kommt eine weitere Komponente hinzu: Sie gehen oft fremdfressen – da muss man die Nachbarn miteinbeziehen.

Man muss den Tierhaltern auch sagen, dass mehr Bewegung allein nicht genügt, damit das Tier abnimmt, denn 70 Prozent des Energiebedarfs werden für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur gebraucht; nur fünf bis zehn Prozent werden verbraucht, wenn sich das Tier bewegt. Wenn das Tier an der Leine geht, hat es einen Energieverbrauch von fünf Prozent. Je fettleibiger das Tier ist, umso besser isoliert ist es, desto weniger Energie verbraucht es. Darum ist ein vernünftiger Ernährungsplan so wichtig, damit der Plan mit dem Abnehmen erfolgreich ist.

Aus psychologischer Sicht ist es für viele Tierhalter ein guter Tipp, die Futterschüssel durch eine kleinere auszutauschen. Dann hat man beim Füttern das Gefühl, dass der Napf voll ist und der Hund ohnehin viel bekommt – ein kleines Täuschungsmanöver für Tierhalter und Tier, das aber sehr gut funktionieren kann.

Falsch verstandene Tierliebe: Adipositas im Vormarsch

Mag. Birgit Krenmayr

Adipositas bei Kleintieren ist ein weitverbreitetes Phänomen. Großteils liegt die Fettleibigkeit der Vierbeiner daran, dass Menschen sie überfüttern. Warum tun sie das? Was steckt aus psychologischer Sicht dahinter? Wir sprachen darüber mit Mag. Birgit Krenmayr, die in Wien eine Praxis für systemisches Coaching sowie psychosoziale und psychologische Beratung führt.

Frau Magistra Krenmayr, warum überfüttern viele Tierbesitzer ihre Vierbeiner? Man weiß doch, dass Fettleibigkeit gesundheitsschädigend ist. Haustiere sind in unserer Kultur ein Teil der Familie. Das führt manchmal dazu, dass Tiere vermenschlicht werden. Die Tierbesitzer verwöhnen sie mit Essen, das ihnen selbst schmeckt. Dabei überlegen sie nicht, ob das artgerecht ist – somit werden die tatsächlichen Bedürfnisse der Tiere nicht wirklich wahrgenommen. Bei Hunden wird dann auch Schokolade gefüttert, die bei den Vierbeinern wie Gift wirkt. Das passiert natürlich aus Unwissenheit und mit dem Gedanken, sein Tier verwöhnen oder belohnen zu wollen. Viele Tiere werden auch bei Tisch mit Essen vom Teller gefüttert – mit der Intention, dass sie auch etwas vom guten Mahl abbekommen. Besonders groß sehe ich die Gefahr, wenn ein Tier zum Ersatz von Familie, Freunden oder sozialen Kontakten wird. Das kommt auch häufig bei älteren Menschen vor, die einsam sind und in einem nahezu symbiotischen Verhältnis mit ihrem Haustier leben. Hier wird die Liebe zum Tier besonders oft über das Essen gezeigt – das ist ein spezieller Ausdruck der Beziehungspflege.

Es heißt ja auch: Liebe geht durch den Magen. Trifft das auch auf die Mensch-Tier-Beziehung zu? Ja, genau. Die Tierbesitzer wollen ihr Haustier verwöhnen, dem Tier soll es gut gehen. Leckerlis werden oft aus der Motivation heraus gegeben, die Beziehung zu stärken und mehr geliebt zu werden – der Mensch bekommt ja auch ein direktes Feedback von seinem Tier, er sieht die unmittelbare Freude über den Leckerbissen und hat das Gefühl, dass er seinem vierbeinigen Liebling etwas Gutes tut. In Maßen sind kleine, artgerechte Goodies ja auch okay, aber ein Übermaß ist falsch verstandene Liebe und schadet den Tieren. Haustiere steuern ihr Fressverhalten nicht selbst, sie sind abhängig vom Besitzer. Der Tierbesitzer entscheidet, was, wann und wie viel sein Tier zu fressen bekommt. Es gibt schon Tiere, die nicht alles fressen – bestimmte Hunderassen zum Beispiel haben allerdings den Reflex des Sattseins nicht. Sie fressen, was sie bekommen. Vieles hat einen hohen Energiegehalt – dadurch nehmen sie mehr Energie zu sich, als sie abbauen können, weil es in keinem Verhältnis zur Bewegung steht, die sie machen.

Und was wäre bezogen auf die Futterauswahl wahre Tierliebe? Wahre Tierliebe wäre, wenn sich der Tierhalter damit beschäftigen würde, welches Futter für sein Tier das Beste ist; zu wissen, wie die Nahrung zusammengesetzt sein muss, damit sie artgerecht und verträglich ist; die richtige Futtermenge herauszufinden, und auch den stimmigen Fütterungsmodus. Wer seinem Haustier tatsächlich etwas Gutes tun möchte, der achtet auf die artgerechte Haltung mit hochwertigem Futter in der richtigen Menge sowie auch darauf, dass das Tier genug Bewegung hat – und er plant Zeit fürs Spielen ein.

Sie haben ja auch einen Hund, einen Rhodesian Ridgeback. Wie halten Sie ihn schlank? Mein Hund ist total verspielt und es macht Spaß, mit ihm zu laufen und zu wandern. Ein Phänomen ist allerdings, dass überall, wo man mit ihm hinkommt, Leckerlis angeboten werden. Ich lehne aber freundlich ab, wenn ihn andere Leute füttern möchten, weil er sonst zu betteln beginnt und auch Dinge bekommen würde, die nicht gut für ihn sind. Wir füttern ausgewogene Hundenahrung, die er gut verträgt, und halten ihn mit Spielen und Bewegung in körperlicher Bestform.