Elch

im Napf

Tierärztin Tanja Warter

Wenn Hunde ihr Futter nicht vertragen, kann der Weg zur Lösung lang und beschwerlich sein. Für Tierbesitzer ist das Durchhalten eine Herausforderung.

Leidet ein Hund fortwährend unter Verdauungspro­blemen, ist das für Besitzer eine belastende Situation. Gleiches gilt für starken Juckreiz, der Tier wie Mensch an die Grenzen bringen kann. Beide Symptomkreise können Futtermittelunverträglichkeiten oder Allergien als Ursache haben. „Die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen“, sagt Privatdozentin Petra Kölle, Oberärztin für Tierernährung an der Medizinischen Kleintierklinik der Tierärztlichen ­Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München, und schickt gleich voraus: „Eine klinische Abgrenzung von Futtermittelallergie und Unverträglichkeit ist nicht möglich. Es gibt zwar Methoden wie den IgE-Bluttest, aber auch die können nur Hinweise geben, weil wir es in der Praxis schon öfter erlebt haben, dass die Tiere dann ­etwas entgegen dem Test­resultat doch problemlos vertragen haben oder etwas nicht vertrugen, das sie vertragen hätten sollen.“

Handelt es sich um eine Allergie, ist so gut wie immer das Protein der Verursacher, entweder aus dem Fleisch oder in manchen Fällen auch die Proteine von Futtermilben oder deren Überreste, die beispielsweise mit dem Reis in eine Dose gelangt sind. „Aber weil das Protein anfangs im Mittelpunkt der Diagnostik steht, stellen wir bei Allergikern die Ernährung so um, dass die Tiere eine neue Fleischsorte, mit der sie vorher noch nie in Kontakt gekommen sind, bekommen, und dazu eine Kohlenhydrat­quelle.“ Der Klassiker, der sich laut Kölle bewährt hat, ist die Pferd-Kartoffel-Diät. Kölle: „Damit lassen sich oft erstaunlich gute Ergebnisse ­erzielen. Wenn es gut läuft, kann ein Pflanzenöl ergänzt werden, dann schrittweise Mengenelemente, Spuren­elemente und Vitamine.“ Bei einem erwachsenen Hund könne man die Eliminationsdiät mit nur zwei Komponenten vier bis sechs Wochen lang durchziehen, erst danach müsse man substituieren; beim Welpen solle man spätestens nach 14 Tagen ­fehlende Nährstoffe ergänzen.     

Wenn es mit Pferd nicht klappt, muss man immer exotischere Fleischarten finden. „Wir haben Hunde schon auf Elch, Känguru oder Strauß umgestellt. Neulich hatten wir einen Fall, der tatsächlich gar kein Fleisch mehr vertragen hat. Diesen Hund mussten wir auf Tofu setzen. Damit geht es ihm gut.“ Wenn irgendwie möglich, empfiehlt Kölle den Tierhaltern, selbst für den Patienten zu kochen, „denn damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht. Das ist sozusagen der Goldstandard.“ Single-Protein-Dosen gebe es zwar zu kaufen, aber das enthaltene Fleisch kann in manchen Fällen durch andere Proteine verunreinigt sein, wie einige Studien zeigen.

Und manchmal löst auch eine Kombination, die frisch gekocht problemlos vertragen wird, als Dosenvariante doch wieder Symptome aus. Grund dafür dürfte sein, dass in der Dose alle Bestandteile gleichzeitig miteinander erhitzt werden. „Wie bei der Maillard-Reaktion entstehen dadurch Glykoproteine, die teilweise auch nicht vertragen werden. So kann es sein, dass frisch gekochtes Lamm mit Reis für den Hund optimal passt, Lamm und Reis aus der Dose aber wieder Symptome hervorruft.“ Daneben gibt es auf dem Fertigfuttersektor hydrolysierte Diätfutter, bei denen die Proteine fast auf Aminosäurebasis zerlegt wurden, sodass der Körper nicht mehr erkennen kann, von welcher Tierart sie ursprünglich stammen. Kölle dazu: „Das bietet sich auch als Alternative zum Selberkochen an.“

 

Gefahrenquelle Leckerli

Weil die Konsequenz des Tierbesitzers die Voraussetzung für den Erfolg einer Eliminationsdiät ist, ist es unerlässlich, dass die fütternden Menschen genau verstehen, dass sie mit einem Leckerli alles wieder ruinieren können. „Aber das ist wirklich schwierig“, so Kölle. „90 Prozent der Besitzer sagen, dass eine Ration ohne Leckerlis nicht möglich ist. Sie brauchen Leckerlis zum Abrufen, Leckerlis zur Erziehung oder zum Training oder wollen etwas geben, wenn sie selbst beim Essen sind.“ Was tun, damit nicht alles vergebene Liebesmüh ist, obwohl man als Tierarzt vor allem viel Beratungszeit und Überzeugungsarbeit leisten musste? „Wenn es gar nicht anders geht, empfehlen wir, auch die Leckerlis strikt aus den Diätfuttern herzustellen. Dann gibt es halt nur selbst gebackene Pferd-Kartoffel-Kekse, oder Lamm-Reis-Kekse. Ansonsten müssen die Leute ganz klar wissen: Ein falsches Leckerli – und wir sind zurück auf Tag null.“ Und wie sieht es nun mit dem von Besitzern oft vorgebrachten Verdacht auf Getreideunverträglichkeit tatsächlich aus? „Eine Glutensensitivität sehen wir sehr selten; sie kann bei Settern und Border-Terriern auftreten. Da schwappen Vorstellungen aus menschlicher Ernährung auf den Tierbereich über“, so Kölle. Es scheint eher so zu sein, dass getreidefreie Rationen bei Hunden an der Entstehung von DCM (dilatative Kardiomyopathie) beteiligt sind.

Dass Tierbesitzer häufig an Fütterungsmythen ­glauben, kennt auch Julia Fritz aus ihrem Alltag. Fritz ist Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik, ­Diplomate des European College of Veterinary und Comparative Nutrition und mit ihrer Firma Napfcheck selbstständig in Planegg bei München tätig. „Die Hauptarbeit in der Ernährungsmedizin liegt in der Aufklärung. Befeuert durch soziale Medien kommen haarsträubende Gerüchte in Umlauf. Immer wieder hören wir etwa, dass im Fertigfutter Vogelschnäbel seien. Da wird viel Unsinn verbreitet, der vielfach auf fruchtbaren Boden fällt.“

Fritz vermutet einen Zusammenhang mit fehlendem Grundwissen. Dass auf Futtermitteln Hinweise wie „Für geruchsarmen Kot von guter Konsistenz in geringer Menge“ aufgedruckt sind, rufe Idealbilder von den Endprodukten der Verdauung hervor, die mit Abwechslung in der Fütterung ohnehin nie erreicht werden könnten. „Dass ein Welpe nachmittags weicheren Kot hat als in der Früh, ist ganz normal – über Nacht war einfach mehr Zeit für die Wasserrückresorption. Untertags muss wegen des vielen Nachschubs schneller wieder Platz im Darm geschaffen werden. Deswegen liegt aber keine Unverträglichkeit oder Allergie vor. Tierbesitzer sollten wissen, dass die Verdauung unmittelbar vom Futter abhängig ist. Wenn ich heute ein schwer verdauliches Schweineohr füttere, muss ich damit rechnen, dass der Hund am Tag danach mal weichen Kot absetzt. Aber das gehört zum normalen Spektrum“, so Fritz. Mitunter seien Ursachen für Verdauungs­probleme sehr rasch zu finden: „Beispielsweise haben etliche Patienten einfach Würmer. Entweder hatten die Besitzer ein sogenanntes natürliches Mittel verwendet oder wollten wegen einer negativen Kotprobe keine Entwurmung ­durchführen.“ Bevor man eine für den Besitzer auch anstrengende Eliminationsdiät beginne, müsse man den Menschen in Fütterungsfragen und medizinischer Grundversorgung auf den Zahn fühlen: „Ich plädiere dafür, die Fütterung routinemäßig in die Anamnese aufzunehmen“, sagt Fritz.    

Bei Hautsymptomen sei es meist schwieriger: „Ist die Haut bei einem Hund schuppig und trocken, ist die Frage nach der Fütterung enorm wichtig. Es ist nicht selten, dass ein Mangel an essenziellen Fettsäuren vorliegt, denn beim Fertigfutter gibt es in diesem Punkt erhebliche Qualitätsunterschiede. Ich könnte aus dem Stegreif zehn Marken nennen, bei denen die essenziellen Fettsäuren minderwertig sind. Dann ist es für die Besitzer ein Segen, wenn man sagen kann: Geben wir jetzt mal Eigelb dazu, oder Linolsäure.“ Für Fritz ist es in Deutschland ein Problem, dass sogenannte Heilpraktiker ohne fundierte Ausbildung Besitzern in Sachen Unverträglichkeiten und Allergien bedenkliche Vorgehensweisen empfehlen würden. „Viele Geschichten selbst ernannter Experten entbehren jeglicher Grundlage oder machen Probleme noch schlimmer. Da habt ihr es in Österreich echt gut, dass es so was nicht gibt.“