Die schleichende Gefahr ist real:

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) in Europa

Mag. Silvia Stefan-Gromen

Durch die intensive Berichterstattung über die Covid-19-Pandemie geraten andere Viruserkrankungen derzeit teilweise ins Hinter­treffen. Die anhaltende Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Osteuropa ist aktuell eine sehr reale Bedrohung für österreichische Hausschweine und damit auch für die Schweinebetriebe.

Das Vetjournal sprach mit Dr. med. vet. Tomasz Trela, Technical Manager für Schweine bei Boehringer Ingelheim und Experte für die Region Mittel- und Osteuropa, über die aktuelle Lage rund um die Afrikanische Schweine­pest, zielführende Präventionsmaß­nahmen und die Aussichten auf einen in naher Zukunft verfügbaren Impfstoff.

Herr Doktor Trela, Sie haben bereits viel Erfahrung mit ASP-Betrieben und sind über die Landesgrenzen hinaus ein gefragter Experte; Sie betreuen derzeit Bestände in Osteuropa und China. Weshalb sind aktuell die ASP-Infektionszahlen bei Haus- und Wildschweinen in Rumänien, Polen und Ungarn wieder angestiegen? Warum verbreitet sich die Viruserkrankung in diesen Ländern so rasant?
Eines vorweg: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich ASP-Ausbrüche proportional zur Wildschweindichte verhalten. Wir verzeichnen derzeit eine enorme Ausbreitung der Wildschweinpopulationen in Polen, Ungarn, Rumänien, Serbien und der Slowakei. Mit dem erhöhten Wildschweinaufkommen verbreitet sich auch das Virus verstärkt. Es ist daher naheliegend, dass auch Schweinebetriebe vermehrt betroffen sind. Wildschweine finden derzeit ­beste Voraussetzungen, um sich zu ver­mehren – die Winter sind mild, die Tiere haben die Angst vor dem Menschen verloren und sind in städtischen sowie landwirtschaft­lichen Gebieten anzutreffen. Dort finden sie ein Über­angebot an Fressbarem wie beispielsweise Abfall, mit dem Ergebnis, dass die Bachen bis zu dreimal jährlich werfen.
Hinsichtlich der Dokumentation sind die Ausbrüche bei Hausschweinen in Polen und Ungarn recht gut festgehalten, hingegen würde ich die Länder Serbien und Slowakei eher als Sorgenkinder bezeichnen. Hier ist die Dunkelziffer an Ausbrüchen sicherlich hoch.

Ein weiteres Problem sind infizierte Lebensmittel – im Speziellen Fleischerzeugnisse, die nicht entsprechend lang bei Temperaturen von mehr als 70 °C bearbeitet wurden, also beispielsweise geräucherte oder getrocknete Wurstwaren. In diesen Produkten bleibt das Virus infektiös, und dies kann über Monate anhalten. In Osteuropa ist Räucherware ein beliebtes Lebensmittel, das gerne auch auf Reisen mitgeführt wird und natürlich auch im Abfall von beispielsweise Autobahnraststationen landet – für Wildschweine ein gefundenes Fressen und für die Ausbreitung des Virus ein günstiger Zustand. Reisende sind unbe­wussterweise Transporteure der ASP.

In Rumänien berichten Medien, dass betroffene Halter die Vorfälle oft nicht melden, weil sie drastische Maßnahmen der Behörden befürchten. Für wie groß halten Sie das Problem?
Hier geht es primär um die Problematik der Entschädigungen. Es sind großteils Kleinstbauern betroffen, für die die Schlachtung ihrer Tiere existenzbedrohend sein kann. Es gibt EU-weit zwar Regelungen für solche ­Fälle, nur werden die Mittel meist zögerlich ausgezahlt oder teilweise sogar verwehrt, wenn beispielsweise Mängel bei Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb festgestellt werden. Das Vertrauen in die Behörden und ihre Effizienz ist leider mangelhaft. Hier ist wichtig, zu erwähnen, dass bei einem Ausbruch in einem Stall nicht unbedingt alle Schweine infiziert sein müssen und sich das Virus nur sehr langsam ausbreitet. So ist es häufig der Fall, dass sich die Bauern denken: Bevor noch weitere Tiere verenden, verkaufe ich noch rasch meine klinisch gesunden Tiere an das Schlachthaus und sichere mir zumindest einen Teil meines Einkommens! Das Virus tut ja der menschlichen Gesundheit nichts; verständlicherweise versuchen die Bauern, ­finanziell über die Runden zu kommen. Hier ist die Politik gefragt: Wir brauchen eine klare Entschädigungspolitik, die gerecht und schnell agiert.

Bei der Begrenzung der ASP ist Zeit ein wichtiger ­Faktor, in diesem Zusammenhang ist die ­Frühdiagnose von ­großer Bedeutung. Betriebe müssen so rasch wie möglich über den Stand der Dinge Klarheit haben und dem­entsprechend auch früh die Ausbrüche melden. Eine Nichtmeldung ­sollte strafbar sein.

Das Virus ist offenbar resistent gegenüber äußeren Einflüssen. Macht seine Widerstandsfähigkeit es so schwierig, es zu tilgen?
Ja, das Virus ist resistent gegen physische und -chemische Faktoren – das bedeutet, es ist wärme- und kältere-sis-tent und auch resistent gegenüber UV-Strahlung oder pH-Wert-Veränderungen sowie auch gegenüber routine-mäßiger Desinfektion. Eine herkömmliche Dekontamination ist also nicht ausreichend. ASP kann in einigen Schweinefleischerzeugnissen monatelang infektiös bleiben – auch in Asien waren diese Ursprung des Virus.

Es gibt aber auch Fälle von Feldkontaminationen, wo infizierte Wildschweinkadaver, die auf Mais- oder Getreide-feldern oder im Grünland vorzufinden sind, von Füchsen, aber auch Katzen und Hunden berührt werden. ASP kann daher leicht von Wildtieren respektive Haustieren eingeschleppt werden. Zudem sind Kadaver auch bei Feldarbeiten oft schlecht zu bemerken – sie werden häufig von Traktoren oder anderen Gerätschaften überrollt. Die Knochenteile, vor allem das Knochenmark, können auf den Reifen der Transportmittel haften bleiben und so hohe Mengen von ASP-Erregern verbreiten.

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Virus auch in Österreich ankommt? Die Entfernung zur österreichischen Staatsgrenze beträgt laut AGES nur noch rund 100 Kilometer.
Niemand ist in oder außerhalb Europas vor der ASP sicher. Das Virus kann sehr rasch lange Distanzen überwinden. Im Vorjahr hatten wir in Polen den Fall, dass sich das Virus innerhalb weniger Tage vom Westen bis in den Osten des Landes über eine Strecke von rund 400 Kilometern verbreitet hat – vermutlich ist es mit Schweineerzeugnissen gereist. Wir haben durch unseren heutigen Lebenswandel jährlich Tausende Reisende, darunter Urlauber, Gastarbeiter oder Jäger, die das Virus beispielsweise auf ihrer Kleidung, ihren Schuhen oder über Lebensmittel transportieren und verbreiten; wie gesagt, die Widerstandsfähigkeit der ASP ist sehr hoch, und damit ist das Risiko für Österreich ebenfalls hoch.

Was raten Sie österreichischen Tierärzten und Schweinebauern?
Das einzig wirksame Instrument, das wir derzeit -haben, ist die Biosicherheit. Wenn wir die entsprechenden Vorkehrungen treffen und unser Verhalten an die -Situation anpassen, dann können wir eine Ausbreitung verhindern. So sehe ich im Bereich der Infrastruktur noch Aufhol-bedarf. Die Betriebe brauchen einen festen Zaun, der die Bestände ausreichend schützt. Auch innerhalb der -Betriebe müssen einzelne Bereiche voneinander getrennt werden – so ist es unumgänglich, dass der Bereich für Transport-mittel, also Traktoren, Lkws und Pkws, aus bereits erwähnten Gründen vom Stall getrennt wird.

Zudem müssen spezielle Reinigungsmöglichkeiten mit Desinfektionsmittel beziehungsweise Umkleidemöglichkeiten geschaffen werden. Es muss umgehend das Bewusstsein dafür erzeugt werden, dass Kleidung und Schuhe beim Betreten des Stalls zu wechseln sind. Die gesamten Abläufe eines Betriebs sind zu hinterfragen und zu optimieren. Es ist wichtig, genaue Regeln für Besucher wie Zulieferer, Besamungstechniker oder Tierärzte festzulegen. Das Handling von Personen und Transportmitteln ist genau zu definieren. Auch der Container für die Tierkörperentsorgung sollte nicht direkt auf dem Hof, sondern außerhalb stehen. Nur durch ständiges Lernen und durch bewusstseinsbildende Maßnahmen können wir den menschlichen Fehlern, der kontraproduktiven Routine beziehungsweise schlichter Unwissenheit und sogar mancher Ignoranz entgegen-wirken.

Zudem ist auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Tierärzten eine Notwendigkeit. Die Frühdiagnostik ist das Um und Auf, da ASP zu Beginn der Infektion sehr langsam und schleichend verläuft. Auffälligkeiten wie ein Abort, einzelne plötzliche Todesfälle, vereinzelt apathische, nicht fressende Schweine oder sonstige zum Teil sehr unspezifische Unregelmäßigkeiten im Bestand müssen von Landwirten sofort an den Tierarzt oder die Tierärztin kommuniziert werden. Die Devise heißt: Lieber einmal zu viel testen als zu wenig. Tierärzte müssen unmittelbar entsprechende Maßnahmen einleiten.

China vermeldete vor Kurzem erste Ergebnisse aus klinischen Versuchen und damit Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Wann wird es in Österreich einen entsprechenden Impfstoff geben?
Momentan ist es noch viel zu früh, um über einen Impfstoff zu spekulieren. Die möglichen Impfstoffe sind allesamt noch im experimentellen Stadium, und selbst wenn in China ein Impfstoff zugelassen werden sollte, bedeutet dies noch lange nicht, dass wir diesen auch in Europa bekommen. Der Impfstoff gegen ASP ist schwierig zu entwickeln, da es ein Lebendimpfstoff sein muss und dieser ein gewisses Risiko birgt. Zudem muss der Lebendimpfstoff auch vom Feldisolat unterschieden werden können. Wir benötigen noch viel Forschung bei der Entwicklung, ich schätze, es wird noch fünf bis sechs Jahre dauern. Und ein Restrisiko wird immer bleiben: die Verbreitung der ASP über Wildschweine.

Im Grunde bleibt uns nur die Biosicherheit, die -Betriebe wirkungsvoll schützen kann. Wie bereits erwähnt, -müssen wir die Infrastruktur, die Abläufe und die allgemeine Kenntnis über das Virus anpassen beziehungsweise verbessern. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen: die Behörden, die Amtstierärzte, die bestands-betreuenden Tierärzte, die Jägerschaft, die Forstwirtschaft, die Gemeinden und -natürlich auch die Medien. Eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung sind dringend notwendig. Nur so können wir auch ethisch Bedenkliches vermeiden, denn schließlich muss man bei einem ASP-Ausbruch alle Tiere keulen, wobei meist 30 bis 60 Prozent der zum Tode verurteilten Schweine gesund sind, da sie von der schleichenden Ansteckung noch nicht erfasst wurden.

Der chinesische Ansatz „Test and Removal“, der vor -Kurzem in einigen Großbetrieben eingeführt wurde, -gefällt mir hier deutlich besser – mithilfe von Schnelltests werden infizierte und kranke Tiere rasch identifiziert und sofort gekeult. Bereiche respektive Gebäude mit infizierten Einzeltieren werden strikt abgesondert, und danach wird getestet, getestet und nochmals getestet, um Klarheit zu bekommen. Es gibt bereits Berichte, wonach das ASP--Virus durch diese Methode erfolgreich aus einem Bestand eliminiert wurde; diese Vorgehensweise ist in der EU -allerdings nicht gestattet. Für die Zukunft bleiben uns viele Fragen, aber wir -haben schon viel Wissen und Erfahrung gesammelt – nun -müssen wir schauen, wie wir dies alles zielführend umsetzen -können.

Zur Person: Dr. med. vet. Tomasz Trela

• Studium der Tiermedizin in Breslau (Polen) und München (Deutschland).

• 1991 Promotion zum Dr. med. vet.

• Tätigkeit als praktischer Tierarzt in Großtierpraxen in Deutschland; Beratertätigkeit für Schweinegesundheit in Osteuropa und Asien.

• Seit 2000 bei Boehringer Ingelheim als Technischer Manager Schwein zuständig für die Kundenbetreuung (Tierärzte, Schweineproduzenten) in Osteuropa.

• Praktische Erfahrungen mit ASP in Russland, der Ukraine, Polen, im Baltikum, Rumänien und China.