Es war einmal …

ein Röntgenfilm

Tierärztin Tanja Warter

Vor gut 30 Jahren begann, zunächst zögerlich, die Digi­talisierung in der Pferde­medizin. Heute ist sie nicht mehr wegzudenken – und wird weitere Be­reiche erobern, sagt Pferde­fachtierarzt Rüdiger Brems in einem Gespräch mit dem Vetjournal.

Wer auf 25 oder mehr Jahre an Berufserfahrung in der Pferdemedizin zurückblicken kann, wird heute sagen, dass im Lauf der Zeit Dinge selbstverständlich geworden sind, von denen man damals kaum zu träumen wagte. Mit der Digitalisierung hat sich das Arbeitsumfeld radikal verwandelt. Heute sind wir unter anderem mit der Frage konfrontiert, ob nicht schon in einigen Jahren die künstliche Intelligenz verlässlichere Diagnosen stellen kann als ein Mensch. Ein Gespräch über Innovationen in der Pferdemedizin mit Fachtierarzt Rüdiger Brems.

Herr Brems, Sie sind seit dem Jahr 1980 Tierarzt. Wenn Sie an Ihre Anfänge zurückdenken, worin liegen die wichtigsten Unterschiede zu heute?
In allen Bereichen der Pferdemedizin hat die Digitalisierung ganz entscheidende Veränderungen mit sich gebracht – nicht nur in der Medizin selbst, sondern auch im organisatorischen Arbeitsablauf und im Rechnungswesen. Ich habe in einer Zeit zu arbeiten begonnen, in der es noch Laufzettel und Karteikarten gab. Im Stall wurden auf dem Laufzettel die Notizen vermerkt, dann hat man diese Notizen in der Klinik händisch auf die Karteikarten übertragen. Das System war gut, es hat funktioniert, aber es war rückblickend betrachtet viel mühsamer. Mit der heutigen Zeit kann man es gar nicht mehr vergleichen.

Wie ist es heute?
Es gibt heute keine Visite mehr ohne Laptop. Alle eingegebenen Daten gleichen sich auf allen Systemen der Klinik automatisch ab, und es ist gar kein Problem, zehn, zwölf Notebooks zusammenzuführen. Das ist natürlich eine unglaubliche Zeit- und Arbeitsersparnis und funktioniert perfekt und sehr einfach. Heute sind wir im gesamten Rechnungswesen nahezu papierlos. Nur im Bereich der Dokumentation haben wir noch ein Backup aus Kartei­karten.

Abseits des Klinikmanagements hat die Digitalisierung auch die Diagnostik revolutioniert …
Absolut. Ich hatte das Glück, zu den Pionieren zu gehören, als ich vor 30 Jahren eines der ersten digitalen Röntgengeräte anschaffte. Ich hatte das System kurz vorher bei Doktor Peter Cronau, der damals die Elite des Reitsports betreute, kennengelernt. Es hatte so viel mehr Qualität als der Film!

Das wird Neugier unter den Kollegen geweckt haben.
Das war einfach eine spannende Zeit. Und ich weiß noch gut, wie ich selbst einmal eine Verletzung am Knöchel hatte und den Humanmedizinern unsere Röntgenbilder gezeigt habe. Die waren vielleicht beeindruckt! (lacht) Für mich ist es logisch, dass wir in der Pferdemedizin die ­Vorreiter waren, denn wir haben einfach höhere Anforderungen. Ein Mensch ist relativ klein und liegt ruhig auf dem Tisch, wenn man sein Bild schießt. So einfach ist das bei uns eben nicht.

Jüngere Kolleginnen und Kollegen können sich das gar nicht mehr vorstellen.
Zumal die ersten Geräte 1 × 1 × 2 Meter groß waren. Als dann die mobilen Geräte kamen, die man auch problemlos im Auto transportieren konnte, war das ein Meilenstein.

Was waren weitere Meilensteine?
Zum Beispiel, dass mit der Digitalisierung der Ultraschall so unkompliziert und klein wurde. Früher waren das riesige Geräte, heute projiziert der Schallkopf das Bild aufs Handy. Man kann es speichern, ganz einfach verschicken und schnell Rücksprache halten und Befunde diskutieren.

Bis heute sträuben sich manche gegen die Digitali­sierung. Haben Sie je Nachteile zu spüren bekommen?
Nein, ich sehe überhaupt keine Nachteile. Gefahren, dass digitale Bilder manipuliert werden könnten, sind meines Erachtens nach rein theoretisch. Vielleicht besteht abgesehen davon die Gefahr, dass Nutzer dazu neigen könnten, sich zu sehr auf das Gerät zu verlassen. Aber wenn jemand schlechte Bilder macht, nutzt auch die ganze Technik nichts. Das Know-how des Menschen ist nach wie vor entscheidend.

Wie weit ist der Weg noch, bis das Röntgengerät mit den Bildern auch gleich die Diagnose liefert?
An so etwas wird gearbeitet, aber noch ist es für den Computer unmöglich, im Rahmen dessen, was noch normal und was schon pathologisch ist, die richtigen Unterscheidungen zu treffen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es in Zukunft in diese Richtung gehen wird. Ein gutes Beispiel ist die digitale Erfassung von Lahmheiten mit dem Lameness Locator. Man bringt photodynamische Marker an verschiedenen Körperteilen des Pferdes an, die alle Schwingungen und Kopfbewegungen zusammenführen. Mittels digitaler Auswertung erfährt man, welche Gliedmaße lahmt. Der nächste Schritt wird wohl sein, auch das betroffene Gelenk digital zu bestimmen, aber das klappt noch nicht. Es gibt eben Pferde, die haben ein Problem im Knie, lahmen aber, als hätten sie etwas am Sprunggelenk.

Was sind Ihre Hoffnungen für die digitale Zukunft?
Ich habe große Hoffnungen bezüglich der Entwicklung weiterer hilfreicher bildgebender Verfahren. Derzeit funktioniert ein MRI nur im unteren Teil der Beine, an das Knie oder die Hüfte kommt ein MRI nicht ran – und auch das CT ist rumpfnah schnell am Ende. Dabei sind es gerade in diesen Körperregionen beispielsweise die kleinen Bänder, die oft Probleme machen. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir da bildgebend einen großen Schritt weiterkommen.

Dr. Rüdiger Brems gründete die Pferdeklinik Wolfesing im Jahr 1990. Als einer der ersten Tierärzte führte er digitales Röntgen im deutschsprachigen Raum ein. Die Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen heute in der Orthopädie, der Ultraschalldiagnostik, der Arthroskopie und der Behandlung von Sehnenerkrankungen.