Wie geht’s den Praktikern draußen?

ein Rundruf

Mag. Eva Kaiserseder

Das Vetjournal hat sich umgehört, welche Themen Tierärztinnen aktuell beschäftigen und welche Tipps sie ihren KollegInnen geben können.

 
 
Dr. Karin Lorinson

„Besitzer können sehr fordernd sein“

Patientenbesitzer verlangen zunehmend Full Service für ihre Tiere, und dies rund um die Uhr. Das ist meiner Meinung nach nur in Gemeinschaftspraxen bzw. Kliniken zu schaffen. Die Idee der Gemeinschaftspraxis war unser Ansatz, doch haben wir bis dato nicht viele Kolleginnen und Kollegen gefunden, die dazu bereit waren und nicht doch lieber in eigenen Räumlichkeiten selbstständig sind. Der Klinikstatus ist in meinen Augen insofern ein echtes Manko, weil Personalkosten ins Unermessliche wachsen können und es damit nicht einfach ist, den Betrieb rentabel zu führen.

Rund um Studium und Kollegen: hier kann ich sagen, dass ich den regelmäßigen Erfahrungsaustausch unter Kollegen für sehr wichtig halte. Schade ist, dass es tatsächlich noch immer Kollegen gibt, die regelrechte Dumpingpreise anbieten. Eine Hündinnenkastration für eine Hilfsorganisation um 100 Euro muss nicht sein! Durch die Umstrukturierung des Praktikums ist es vielleicht möglich, wieder mehr Studenten in den Praxisalltag einzubauen, wovon beide Seiten profitieren könnten. Schade finde ich, dass der Weg zum Doktortitel von Universitätsseite derartig verkompliziert wurde, dass viele junge Tierärzte nach der oft schon aufwendigen Diplomarbeit ganz auf eine Dissertation verzichten.

Und das Thema Besitzer: Diese können sehr fordernd sein und vergessen manchmal, dass auch in der Humanmedizin nicht der erste Besuch die endgültige Diagnose und den sofortigen Therapieerfolg bringt. Die in den letzten Jahren vermehrt auftretende Gefahr einer Klags­androhung bzw. des Gangs zum Gericht wird sich in der Zukunft wahrscheinlich nicht verringern. Hier können nur bestmögliche schriftliche Aufzeichnungen und Bilddokumentationen uns schützen.

Dr. Karin Lorinson betreibt gemeinsam mit ihrem Mann das Chirurgische Zentrum für Kleintiere in Vösendorf. Sie ist Instruktorin für Chirurgie und seit Kurzem allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Kleintiere, insbesondere Chirurgie. 

DR. MANFRED Hochleithner

„Langweilig ist die Arbeit mit Exoten nie!“

Mit einem Anteil von etwa 50 % Exoten an der Klientel ist der Alltag in meiner Klinik alles andere als monoton. Es ist nie sicher, welche Spezies als Nächstes kommt – Papageien und Schlangen sind die Routine, aber ein Axolotl oder Afrikanischer Tausendfüßler hat als Patient schon etwas.

Zur Fragestellung: Wo stehen wir heute im Vergleich zu früher? Wie komme ich zu echten Informationen?

Wenn früher ein interessanter Fall vorgestellt wurde, konnte man seine Erfahrungen recht unkompliziert publizieren, die Auswahl an entsprechenden Journalen war auch überschaubar und damit wurden individuelle Informationen rasch verbreitet – es waren Anekdoten und keine wissenschaftlich fundierten Daten, aber es war selektive Information, die in einem Kreis von Spezialisten diskutiert wurde und für interessierte „Neulinge“ leicht zugänglich war. Heute findet sich eine Unmenge an Informationen, die in keiner Weise mehr überschaubar ist. Richtig kann man eigentlich nur unter sehr strengen wissenschaftlichen Kautelen publizieren – das ist sicher wichtig, führt aber gerade bei z. B. Exoten dazu, dass nur sehr spezifische Fragestellungen behandelt werden können. Raum für „persönliche Erfahrungen und Meinungen“ bleibt in renommierten Journalen nicht. Damit geht sehr viel Know-how verloren. Fallbeispiele werden zwar bei Kongressen präsentiert, aber hier spielt natürlich die Zeit eine Rolle.

Es ist daher unbedingt notwendig, alles, was man heute als gegeben ansieht, morgen bereits zu hinterfragen. Ich lese eine Dosis in einem anerkannten Fachbuch, aber zum Zeitpunkt, zu dem das Buch erscheint, kann die Information bereits falsch sein bzw. stellt sich eben heraus, dass die Griechische Landschildkröte doch eine andere Dosis Tramadol benötigt als die Kornnatter. 

Das bedeutet: Immer hinterfragen und auf dem neuesten Stand bleiben!

Dr. Manfred Hochleithner ist Gründer und Leiter der Tierklinik Strebersdorf. Er ist Fachmann für Exoten (Diplomate European College of Zoological Medicine, ECZM), war Präsident der Vereinigung Österreichischer Kleintiermediziner (VÖK) und ist seit 2017 Präsident der ÖTK-Landesstelle Wien.

DR. ERIK SCHMID

„Ehrenkodex als Überlebensstrategie?“

Eine gute Frage, nach 36 Berufsjahren, 35 davon als Amtstierarzt, sieben Jahre als Tierschutzombudsmann. Einen klaren Schwerpunkt im Tierschutz kann ich wohl kaum abstreiten. Da ist die Gefahr des Bilanzierens groß, die Erfahrung unbestritten. 

Also: Die Spielräume werden enger, die Spielregeln härter, falls es überhaupt welche gibt oder sie eingehalten werden (sollen). Im Blick in die Zukunft taucht unweigerlich Nachdenklichkeit auf. Die Beschäftigung mit Philosophie und Ethik ist hilfreich. Dazu gehört nicht nur die Tierethik, sondern auch die Berufsethik.

Dazu fällt mir spontan die Abhandlung von F. R. Stafleu über „die berufliche Autonomie der Bauern“ ein. Diese hänge – wie bei jeder kleinen Berufsgruppe – von deren eigenem Ehrenkodex ab, gilt demnach auch für die Tierärzte, insbesondere Nutztierpraktiker. Aus diesem einen Postulat leite ich meine Prognose bzw. Perspektive für unseren Berufsstand ab: Wenn es uns nicht gelingt, uns selbst freiwillig einen Ehrenkodex im Sinne einer echten Anwaltschaft für die Tiere zu verordnen, dann werden wir in der industriellen Nutztierhaltung als Mittäter auf der Anklagebank landen. Paradoxerweise werden auch die Kleintierpraktiker die tierethisch berechtigten Ansprüche ihrer Patienten gegenüber der zunehmenden Instrumentalisierung durch deren Halter verteidigen müssen. Die Amtstierärzte werden weiterhin unter dem Titel Tierschutz ein Tiernutzungsgesetz als Spiegel einer Gesellschaft voller Widersprüche und Militanz vollziehen müssen.

Deshalb sollten sich nicht nur die Amtstierärzte für „Vethics“ interessieren bzw. engagieren. Strategisch sehe ich dafür den österreichischen Weg über eine fachliche Zusatzqualifikation erfolgversprechender, als einen von oben verordneten Ethik-Kodex, für den sich die Kollegenschaft in Deutschland entschieden hat.

Dr. Erik Schmid ist Fachtierarzt für Tierhaltung und Tierschutz und bereits seit 1982 Amtstierarzt. Von 1986 bis 2012 war er Leiter der Veterinärabteilung, von 2005 bis 2012 zusätzlich Tierschutzombudsmann. Seit 2013 ist wieder hauptsächlich im Vollzug des Tierschutzes tätig. 

 

Dr. Barbara Koller 

„Der Blick über den Tellerrand ist immens wichtig!“

Ich habe einige harte, wenn auch schöne Jahre zu Beginn der Selbstständigkeit erlebt. Gerade in den Anfangstagen als Tierärztin und alleinerziehende Mutter hätte ich mir eine Beratung gewünscht, die mir auch den wirtschaftlichen Part einer Praxisführung zeigt – vom Einkauf bis zur Buchhaltung. Diesen Teil des Berufs auch auf der Uni auszuweiten wäre sicher kein Fehler. 

Was dann wichtig wird: Abgrenzung. Sobald die Ordi nämlich läuft und man gefragt ist, ist man teilweise 24 Stunden erreichbar, und das täglich. Das kann nicht gut gehen, schon gar nicht auf Dauer. Ausgleich ist wichtig, egal ob das Hobbys sind oder das Pflegen von Freundschaften. 

1998/99 kam es dann bei mir mit der zunehmenden Spezialisierung auf Physiotherapie zur kompletten Umstrukturierung meiner Praxis. Und ich kann den Kollegen nur Mut machen: Wenn man seinen Weg geht und fest daran glaubt, dann gewinnt man letztlich auch. 

Schwierig fand ich es immer, meine Vorstellungen bzw. Träume mit der Realität (und meinem Steuerberater) abzugleichen; der wirtschaftliche Part sollte mich sicherlich mehr interessieren, als er es tut. Mut und so mancher Sprung ins kalte Wasser gehören hier aber ebenso dazu wie zu lernen, hinzufallen und wieder aufzustehen. 

Die Arbeitsbedingungen bestimmt man als Selbstständiger über weite Strecken selbst. Einer meiner Chefs sagte einmal zu mir: Jeder bekommt die Patienten, die er sich verdient, man muss sie sich erziehen. Das stimmt. Mit der Terminpraxis kann ich meine Woche ganz gut im Voraus planen und auch die Weiter- und Fortbildungen sehr gut managen. Der Blick über den Tellerrand Richtung Humanphysiotherapeuten ist immens wichtig! Auch die Zusammenarbeit, v. a. mit den chirurgisch tätigen Kollegen, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Der Austausch und das Verbinden unterschiedlicher Herangehensweisen an ein Problem machen die Arbeit immer wieder spannend. Dass ich meine Begeisterung für den Tierarztberuf an meine Tochter Anna weitergeben konnte, die inzwischen ebenfalls studiert, erfüllt mich mit viel Freude und auch Stolz.

Dr. Barbara Koller ist Fachtierärztin für Physiotherapie und hat eine Kleintierpraxis mit Pferdeanteil in Guntramsdorf bei Wien.