Stress

in der Tierklinik

Gesundheitsjournalistin Bettina Kristof

Vertreter der Gesundheits­berufe schauen immer zuerst auf das Wohl der anderen – und vergessen dabei oftmals auf sich selbst. Aber: Selbst gesund und fit zu sein ist die Basis dafür, anderen helfen zu können.

Vertreter der Gesundheitsberufe schauen immer zuerst auf das Wohl der anderen – und vergessen dabei oftmals auf sich selbst. Aber: Selbst gesund und fit zu sein ist die Basis dafür, anderen helfen zu können. 

Gerade selbstständig tätige Tierärzte stehen häufig unter großem Druck. Der hohe ethische Anspruch, stressige Notdienste, große Verantwortung, psychisch belastende Situationen und womöglich auch noch wirtschaftliche Turbulenzen sind auf Dauer eine ungesunde Kombination, die zu totaler Erschöpfung führen und krank machen kann. Von diesem Zustand zum Burn-out ist es dann nicht mehr weit. 

Aber was genau ist ein Burn-out, wie entsteht es, wie kann man es frühzeitig erkennen und wie behandeln? Lesen Sie dazu mehr im Interview mit Mag. Birgit Krenmayr, ­Psychologin, Business Coach und Burn-out-Expertin (www.essential.at/coaching).

Der Begriff „Burn-out-Syndrom“ ist relativ neu in unserem Sprachgebrauch. Gab es die Symptome früher nicht, ist Burn-out „ein Kind unserer Zeit“?
Burn-out ist eine neuere Bezeichnung für den alten Begriff der „Überlastungsdepression“. In Österreich und Deutschland ist Burn-out seit einem Jahr als eigenständiges Krankheitsbild unter „Ausgebranntsein“, gemeinsam mit einem Zustand der totalen Erschöpfung und Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung gelistet. 

Welche Beschwerden kann ein Burn-out verursachen?
Burn-out kann bis zur schweren Depression sowie körperlichen, psychischen und emotionalen Erschöpfung führen, die nicht nur das Berufsleben, sondern auch die private Lebensführung existenziell beeinträchtigt.

Woran erkennt man, ob man Burn-out-gefährdet ist? Was sind die ersten Anzeichen?
Sie reichen von dem steigenden Drang, sich selbst und den Kollegen durch extremes Leistungsstreben etwas beweisen zu wollen – weiterführend zu Überarbeitung und Vernachlässigung des eigenen Privatlebens und der eigenen Bedürfnisse. In der Folge kann es zu Isolierung, Rückzug, Ablehnen sozialer Kontakte, Gefühlen der Wertlosigkeit und schließlich zunehmender Ängstlichkeit, zum Gefühl der inneren Leere mit der Flucht in unterschiedliche Süchte kommen. 

Meine Klienten beschreiben es manchmal mit: „Irgend­etwas Extremes tun, um zu versuchen, sich noch zu ­spüren“ oder „Alles tun, um die innere Leere nicht mehr fühlen zu müssen“. In schweren Burn-out-Fällen wird oft der Suizid als erlösende Vorstellung von dieser Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung beschrieben.

Wie wird Burn-out in unserer Gesellschaft wahrgenommen?
Interessant ist, dass in unserer Gesellschaft ein Leistungsknick oder längerer Krankenstand wegen einer „Depression“ als stigmatisierend gilt. Es heißt rasch, der Kollege sei nicht belastungsfähig, wäre für diesen Beruf nicht stark genug oder zu wenig engagiert. Hat allerdings jemand „Burn-out“ als ärztliche Diagnose, so wird mit viel mehr Verständnis und sogar anerkennender Hochachtung von ihm gesprochen: „Kein Wunder, dass er im Burn-out ist, bei dem Einsatz bis hin zur Selbstaufgabe …“ Da ist dann das Verständnis des Arbeitsumfeldes für eine länger dauernde Abwesenheit gegeben. 

Ich bin sehr froh, dass es den Begriff des Burn-outs gibt. Dieser ermöglicht es Menschen in ärztlichen Berufen, die diese mit viel Idealismus, zeitlichem und auch körperlichem Aufwand ausüben, ihre Grenzen wahren zu lernen sowie ihre Gesundheit wieder herzustellen – ohne Stigma­tisierung von außen.

Nimmt der Betroffene ein Burn-out-Syndrom selbst wahr, oder sind es eher die Angehörigen/Freunde, die den Verdacht äußern?
Tatsächlich sind es zunächst oft die Partner und die enge Familie, die klagen, dass die Arbeit das ganze Leben zu dominieren beginnt und dass sie den Burn-out-Gefährdeten nicht mehr erreichen können. Aber anfangs werden diese Wahrnehmungen vom Betroffenen oft als ungerechte Vorwürfe zurückgewiesen und als Mangel an Verständnis für die fordernde Situation, in der er sich befindet, abgetan.

Wo bekommt man als Betroffener Hilfe, welche Anlaufstellen gibt es?
Je nach Schwere sollte ärztlicher Rat beim Hausarzt, Internisten oder Psychiater eingeholt werden. Wenn man einen verlässlichen systemischen Berufscoach gefunden hat, arbeitet dieser – wie ich – in einem Netzwerk von Ärzten sowie Therapeuten. So kann er seinen Klienten immer weiterhelfen und die richtigen Empfehlungen geben.

Wichtig ist es, erste Anzeichen für ein sich aufbauendes Burn-out wahrzunehmen – wie das drängende Gefühl, anderen und sich selbst etwas beweisen zu müssen, sowie nie mit sich und seiner Leistung zufrieden sein zu können, sich immer noch mehr Aufgaben aufhalsen zu lassen und einer damit einhergehenden zunehmenden Vernachlässigung des Privatlebens. An diesem Punkt kann oft ein systemisches Coaching alleine helfen. Der Coach unterstützt dabei, die Zeit- und Kraftressourcen – die jeder hat, aber vielleicht nicht mehr sieht – aufzuspüren. So kann sogar die Leistungsfähigkeit dadurch gesteigert werden, dass man die individuelle Balance zwischen Arbeit und Entspannung zu leben und damit die Kraftressourcen zu nutzen lernt. 

Wesentlich ist es als Burn-out-Gefährdeter, zu erlernen, Prioritäten zu setzen: Welche Arbeit muss ich tatsächlich als Erstes und wie schnell erledigen, was kann ich später machen oder sogar delegieren? Meine Klienten wundern sich oft, dass sie viel lockerer werden, viel weniger angespannt mit festgesetzten Terminen umgehen können, plötzlich Freizeit haben – und all das, ohne dass irgendjemand im Arbeitsumfeld das Gefühl hätte, sie würden weniger tun als früher. Wenn allerdings ein Burn-out zu Depression, Depersonalisierung oder Suizidgedanken führt, muss vor dem ­Coaching unbedingt eine ärztliche Abklärung und Begleitung erfolgen.

Wege aus der Burn-Out-Falle


Hilfe suchen und annehmen
Wenn man bemerkt, dass man auf ein Burn-out zusteuert, ist es daher ganz wichtig, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Österreich sind zahlreiche Kuranstalten und Rehabilitationseinrichtungen auf Burn-out-Prävention und -Behandlung spezialisiert. Es gibt aber keine Standard­therapie für das Burn-out-Syndrom. Welche Behandlung am besten geeignet ist, hängt immer vom Patienten und seiner Lebenssituation ab. 

Auf die eigene Gesundheit achten
Man kann zusätzlich auch einiges selbst tun, um wieder gesund und fit zu werden:

• Eine vernünftige, gesunde Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten ist wichtig, um Energie zu gewinnen.

• Regelmäßige Bewegung und Sport sorgen für körperliche Fitness.

• Entspannungsübungen sind ideal, um ins Gleichgewicht zu kommen. Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobsen helfen dabei.

• Eigene Kraftquellen entdecken: Was interessiert Sie, wofür begeistern Sie sich? Nehmen Sie sich Zeit, eigene Interessen zu entdecken. Das bringt Energie und Lebensfreude. 

• NEIN sagen lernen – ohne schlechtes Gewissen.

Veränderungen im Unternehmen
Wenn eine Situation nicht mehr passt, sollte man sie nach Möglichkeit verändern. Wichtig ist es, ehrlich zu sich selbst und offen für Neues zu sein.

Outsourcen
Man muss nicht alles von der Buchhaltung über die EDV bis hin zu Werbemaßnahmen selber machen. Besser Spezialisten engagieren – das spart Zeit und Nerven. 

Umstrukturierung im Unternehmen
• Wo läuft es nicht rund, wo gibt es Einsparungspotenzial, wo gibt es Schwachstellen? 

• Passt das Mitarbeiterteam – harmonieren die Mitarbeiter, ist das Betriebsklima angenehm? 

• Stimmt der Mitarbeiterstand? Was wäre notwendig, damit ein reibungsloser Ablauf möglich ist? 

• Was ist wirtschaftlich vertretbar? Evtl. einen Unternehmensberater engagieren.

• Evtl. eine Praxisgemeinschaft gründen – weniger finanzielles Risiko, mehr Zeit für sich selbst.

Ehrlichkeit zu sich selbst ist das Um und Auf im erfolgreichen Behandeln eines Burn-out-Syndroms. Sich die Situation einzugestehen, bewusst Veränderungen herbeizuführen und ein individuelles Maßnahmenpaket zu erarbeiten und durchzuführen ist der beste Weg aus der Überforderungsfalle.

 
Buchtipps:  


• „Das Burn-out-Syndrom: Theorie der inneren Erschöpfung“, von Matthias Burisch

• „Autogenes Training“, von Delia Grasberger

• „Progressive Muskelentspannung nach E. Jacobsen“, von Henrik Brandt.