Aus internationaler Sicht:

Veterinärmedizinische Versorgung geretteter Wildtiere

Bettina Kristof

In den letzten Jahrzehnten wurde in Europa vermehrt der „orientalische Augenwurm“ bei Haustieren und Menschen festgestellt. Allerdings war dieser Erreger von Augenkrankheiten bislang in Österreich nicht heimisch. Eine soeben erschienene Studie der Vetmeduni Vienna erhärtet nun den Verdacht, dass sich dies in jüngster Zeit geändert hat. Das Forschungsteam der Vetmeduni empfiehlt deshalb ÄrztInnen und TierärztInnen, bei Bindehautentzündungen einen Befall mit dem „orientalischen Augenwurm“ in Betracht zu ziehen.

Die Rettung und anschließende tierärztliche Versorgung von Wildtieren ist ein weltweites Thema. Vier Pfoten hat in Europa und Übersee mehrere Wildtierschutzzentren gegründet, in denen nach einheitlich hohen veterinärmedizinischen Standards gearbeitet wird. Wir sprachen darüber mit Mag. Irene Redtenbacher, Leiterin der Abteilung Animal Health and Husbandry Management, in der Zentrale der Tierschutzorganisation.

Frau Mag. Redtenbacher, Sie leiten die Abteilung für Wildtiermedizin und Wildtierhaltung. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Meine Abteilung wurde im Oktober 2015 gegründet, um die Haltung, die Betreuung und die veterinärmedizinische Versorgung in unseren Wildtierschutzzentren zu koordinieren und zu kontrollieren. Dazu sind wir in regelmäßigen Abständen in den unterschiedlichen Zentren vor Ort, um interne Audits durchzuführen, unsere Mitarbeite­rInnen zu schulen und gemeinsam mit ihnen an der Lösung von etwaigen Problemen zu arbeiten. Derzeit besteht das Team inklusive meiner Person aus drei Mitarbeiterinnen, ab April werden wir zu viert sein.

In welchen Ländern betreibt Vier Pfoten Wildtierschutzzentren?
In Europa betreiben wir sechs Bärenschutzzentren – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, dem Kosovo, Bulgarien und der Ukraine –, eine Großkatzenstation in den Niederlanden und eine weitere Station für verschiedene Wildtierarten in Deutschland. In Übersee haben wir in Vietnam den Bärenwald Ninh Binh für gerettete Galle­bären und das Großkatzenrefugium Lionsrock in Süd­afrika gegründet. Insgesamt betreuen wir damit aktuell über 250 Bären und Großkatzen. Des Weiteren haben wir in Ost­kalimantan auf Borneo ein Orang-Utan-Projekt, in dem die bedrohten Menschenaffen auf ihre Freilassung in einem geschützten Gebiet vorbereitet werden. In Myanmar haben wir 2018 mit der Errichtung einer Elefantenstation für ehemalige Arbeitselefanten aus der Holzindustrie begonnen.

Welche länderübergreifenden Maßnahmen für die tierärztliche Versorgung gibt es?
Unsere Organisation hat Qualitätsstandards zur Haltung und Betreuung der von uns versorgten Wildtierarten entwickelt. Zu den Aufgaben meiner Abteilung gehört die Kontrolle der Einhaltung dieser Standards sowie deren Weiterentwicklung. Wir sorgen auch dafür, dass unabhängig vom Land allen unseren Tieren ein einheitlich hoher Standard an veterinärmedizinischer Versorgung zur Verfügung steht. Großteils arbeiten wir dazu mit externen Wildtiermedizinerinnen und -medizinern zusammen, die bei anerkannten Instituten beschäftigt sind, wie dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW, Anm.) und dem Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna. Mit diesen beiden Instituten haben wir Rahmenverträge über mehrere Jahre abgeschlossen, die die veterinärmedizinische Betreuung unserer Wildtierprojekte beinhalten. Tierärztinnen und Tierärzte dieser beiden Institute begleiten unsere Rettungsaktionen und kommen für geplante tierärztliche Untersuchungen in unsere Wildtierschutzzentren, respektive reisen sie, wenn möglich, auch bei ad hoc benötigten Einsätzen aufgrund von akuten Erkrankungen oder Verletzungen an. Darüber hinaus hat auch jedes Schutz­zentrum einen lokalen Betreuungstierarzt oder eine Betreuungstierärztin, da gerade bei Notfällen rasche Versorgung gewährleistet sein muss. Da es aber nicht in allen Ländern, in denen wir Projekte haben, eine äquivalent hochwertige veterinärmedizinische Ausbildung gibt wie in Österreich oder Deutschland, geschweige denn die Möglichkeit besteht, sich im jeweiligen Land auf Wildtiermedizin zu spezialisieren, ist es für uns sehr wichtig und wertvoll, diese Kooperationen mit unseren Vertragstierärztinnen und -tierärzten der zuvor genannten Institute zu haben.

Nur eines unserer Zentren hat aktuell eine Tierärztin vor Ort angestellt, das ist unser Bärenschutzzentrum in Vietnam. Ein weiteres, das Großkatzenschutzzentrum in Lionsrock, soll noch dieses Jahr ebenfalls eine Tierärztin oder einen Tierarzt in Anstellung bekommen. So eine eigene Position ist für jene Schutzzentren vorgesehen, die eine besonders hohe Anzahl an Tieren zu betreuen haben und die auch für unsere Vertragstierärztinnen und -tierärzte nur mit längerer Anreise zu erreichen sind, da sie außerhalb Europas liegen.

Gibt es tierärztliche Ablaufpläne, die für alle Länder gleich sind, zum Beispiel für die Erstuntersuchung nach einer Übernahme und dergleichen?
Wir haben gemeinsam mit unseren Vertragstierärztinnen und -tierärzten standardisierte Untersuchungsprotokolle entwickelt, die bei tierärztlichen Untersuchungen zur Anwendung kommen. Sie legen unter anderem fest, welche bildgebenden diagnostischen Verfahren angewandt und welche Proben standardmäßig bei klinischen Unter­suchungen genommen werden sollen. Darüber hinaus sind verschiedene Richtlinien in unseren Qualitäts­standards definiert, wie zum Beispiel, welche Impfungen unter herkömmlichen Umständen vorgenommen werden müssen, wie und wann entwurmt wird, dass Transporte von Wildtieren auf der Straße immer von einer Tierärztin oder einem Tierarzt begleitet werden müssen und so weiter. Da die Vertragsveterinärinnen und -veterinäre bei uns mehrere Projekte betreuen, ergibt sich daraus auch eine gewisse Vereinheitlichung von Vorgangsweisen, die aber natürlich auf das jeweilige Individuum und seine Krankengeschichte angepasst werden.

Was sind die grundsätzlichen Herausforderungen für Tierärztinnen und Tierärzte in Wildtierschutzzentren?
Da wir es mit potenziell sehr gefährlichen Tierarten zu tun haben, müssen unsere Veterinärinnen und Veterinäre entsprechend auf Sicherheitsmaßnahmen achten. Die meisten Untersuchungen und Behandlungen von Wildtieren können nur unter Narkose erfolgen. Das birgt natürlich gewisse Risiken, weil entgegen den Standards in der Kleintiermedizin keine umfassende präanästhetische Untersuchung vorgenommen werden kann. Das heißt, die Tierärztinnen und Tierärzte können sich ausschließlich auf vorberichtliche Informationen und ihre eigenen Beobachtungen stützen. Wir arbeiten aber mit Plänen für medizinisches Tiertraining daran, bei vielen unserer Tiere gewisse Untersuchungen und Probennahmen auch ohne Narkose durchführen zu können. Aber das ist leider keine Option, die wir bei Tieren, die wir gerade frisch übernommen haben, zur Verfügung haben, da hier ein entsprechender Vertrauensaufbau zum Tierpfleger oder Tiertrainer erforderlich ist. Wenn unsere Wildtiere in ein anderes Schutzzentrum gebracht werden, üben wir außerdem davor mit ihnen, dass wir sie ohne Narkose in die Transportkiste verladen können. Was unsere Tierärztinnen und -ärzte auch immer wieder vor größere Herausforderungen stellt, ist die Logistik: Unsere „Flying Vets“ müssen meist viel Equipment und Medikamente mitnehmen – hier müssen natürlich die entsprechenden Einfuhrbestimmungen eingehalten werden. In einige Länder dürfen wir etwa kein Ketamin mitnehmen, das wir sehr oft in unseren Narkoseprotokollen verwenden. Da gilt es, sich im Vorfeld Alternativen zu überlegen, wie man ohne bestimmte Medikamente trotzdem zum gewünschten Ergebnis kommt.

Irene Redtenbacher, Leiterin der Abteilung für Wildtiermedizin und Wildtierhaltung von Vier Pfoten International
Irene Redtenbacher wurde 1982 in Wien geboren. 2011 beendete sie erfolgreich das Diplomstudium Veterinärmedizin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien mit einer vertiefenden Ausbildung in Wildtiermedizin bzw. Conservation Medicine, einem interdisziplinären Fachgebiet, welches im Einklang mit dem Konzept „One World – One Health“ die Schnittstellen zwischen den Komponenten Mensch, Tier und Umwelt näher untersucht und sie als sich gegenseitig beeinflussendes Gesamtsystem versteht. Im Anschluss setzte Redtenbacher ihre Ausbildung mit einem Masterstudiengang in Wildtiermedizin und Populationsmanagement an der University of Sydney in Australien fort, den sie 2012 abschloss. Im Mai 2013 begann Redtenbacher, in der Zentrale in Wien für die internationale Tierschutzorganisation Vier Pfoten zu arbeiten. Zu Beginn war sie im Bereich der Pferde- und Großkatzenprojekte der Organisation tätig, ein halbes Jahr später lernte sie dann als Assistentin der damaligen Projektleitung die weiteren laufenden Projekte der Organisation besser kennen. Seit Oktober 2015 leitet Redtenbacher die zu diesem Zeitpunkt neu geschaffene Abteilung für Wildtiermedizin und Wildtierhaltung. In ihrer Funktion ist Irene Redtenbacher nun gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen für die Organisation der veterinärmedizinischen Betreuung und die Kontrolle und Weiterentwicklung der Tierhaltungsstandards in den derzeit zehn Bären- und Großkatzenschutzzentren in aktuell neun Ländern verantwortlich und unterstützt weitere Wildtierprojekte mit ihrer Expertise.