Das rülpsende Pferd: Koppen –

nur eine Verhaltensstörung?

Mag. Elisabeth Reinbacher

Die Ursache des Koppens ist noch ungeklärt – der Zweck ist jedenfalls Stressabbau: Durch Endorphinausschüttung empfindet das Pferd den Zustand als sehr angenehm und beruhigend. Wie man mit der Verhaltensauffälligkeit umgeht, erklärt Mag. Verena Zehetner, Tierärztin in Fachausbildung für interne Medizin an der Universitätsklinik für Pferde.

Das Koppen zählt zu den häufigsten Stereotypien des Pferdes und ist von vielen Mythen umwoben. Doch woher kommt diese Verhaltensstörung – und gibt es gesundheitliche Folgen?

Ein Ausflug zum Pferdestall, ein Kind streckt einer dunkel­braunen Stute eine Handvoll Heu entgegen und fängt an zu lachen. „Schaut mal her, das Pferd kann rülpsen“, ruft es seinen Freunden grinsend zu. Hanna, eine elfjährige Hannoveranerstute, ist Aufsetzkopperin. Sie setzt die oberen Schneidezähne auf einen festen Gegenstand (z. B. die Boxentür oder den Krippenrand) und koppt. Auch unüblichere Hilfsmittel wie der Rücken eines Artgenossen oder das eigene Vorderbein können benutzt werden. Und es gibt, wenn auch deutlich seltener, Pferde, welche frei koppen: Sie können mit einer nickenden Kopfbewegung ohne weitere Hilfsmittel ihre Halsmuskulatur ausreichend anspannen; Koppen für Fortgeschrittene sozusagen.

Beim Koppen wird der Schlundkopf durch Anspannen der Halsmuskulatur geöffnet, woraufhin Luft in die Speise­röhre strömt und ein rülpsendes Geräusch verursacht. Stereo­typien sind Verhaltensweisen, die vom normalen Verhalten abweichen, sich immer auf die gleiche ­Weise wiederholen und keinen Zweck erkennen lassen. Da Stereotypien bei wild lebenden Pferden im natürlichen Lebensraum nicht beobachtet werden, ist das Koppen ein Phänomen unserer „zivilisierten“ Pferdehaltung. Anno 1791 wurde das Koppen erstmalig in der Literatur erwähnt – damals wie heute gilt die Verhaltens­störung als negatives Bewertungs­kriterium und mindert den materiellen Wert des Pferdes. Mag. Nina Zappl, gerichtlich beeidigte Sachverständige für Pferde und Pferdesport sowie Autorin des Buchs „Praxishandbuch Pferderecht“, sagt dazu: „Koppen stellt in den meisten Fällen – abhängig vom vereinbarten Verwendungszweck des Pferdes – einen Mangel im Sinne des ­Gewährleistungsrechts dar, für den der Verkäufer haftet, sofern der Mangel im Zeitpunkt der Übergabe schon vorhanden war. Solch ein Mangel berechtigt unter gewissen Umständen zum Austausch des Pferdes oder zur Preis­minderung. Bei Sportpferden ist beim sogenannten Frei­koppen von einer Wertminderung zwischen 20 und 60 Prozent auszugehen, beim Aufsetzkoppen zwischen zehn und 40 Prozent, je nach genauer Verwendung des Pferdes und nach Stärke des Koppens.“

Doch was sind die Ursachen dieses Verhaltensproblems?

„Die genaue Ursache, weshalb Pferde die Stereotypie des Koppens entwickeln, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich spielen mehrere umweltbedingte und möglicherweise auch genetische Faktoren eine Rolle“, sagt Mag. Verena Zehetner, Tierärztin in Fachausbildung für interne Medizin an der Universitätsklinik für Pferde in Wien. Der Zweck des Koppens ist Stressabbau: Die körpereigenen Glückshormone, Endorphine, werden dabei ausgeschüttet, das Pferd empfindet das als sehr angenehm und beruhigend, gleichsam einer körpereigenen Droge. (Ähnliches passiert auch in unseren eigenen Reihen, denn der Mensch verwendet für ebendiesen Zweck gerne seine Fingernägel.) Zu den wichtigsten auslösenden Faktoren zählen Haltungs- und Fütterungsfehler. „In unterschiedlichen Studien wurde gezeigt, dass vor allem das Haltungs- und Fütterungsmanagement einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Koppens hat und Tiere bereits im jungen Alter damit beginnen können. Bei Fohlen konnte man nachweisen, dass jene Tiere, die von der Mutterstute gesäugt wurden, ein niedrigeres Risiko hatten als altersgleiche Artgenossen, die anderweitig getränkt wurden. Auch die regelmäßige Fütterung von Kraftfutter ist mit dem Auftreten von Koppen assoziiert; gegenteilig dazu zeigen Pferde, die eine größere Menge Raufutter erhalten, seltener dieses abnorme Verhalten. Pferde, denen Weidezugang und ausreichend Auslauf geboten werden, zeigen Koppen ebenfalls seltener – Tiere ohne oder mit eingeschränktem Sozialkontakt neigen wiederum häufiger dazu“, erzählt Mag. Zehetner. Des Weiteren zeigen Studien einen Zusammenhang zwischen Gastritis bzw. Magenulzera und dem Koppen. Diese Pferde koppen wahrscheinlich, um durch die Endorphinausschüttung eine analgetische Wirkung zu erlangen. Nicht zuletzt wird auch eine erbliche Komponente des Koppens diskutiert. Zusammenfassend ist diese Verhaltensstörung ein multifaktorielles Problem im Zusammenspiel aus Stress, Schmerzen und Veranlagung.

Viele Besitzer eines koppenden Pferdes erfahren Ablehnung im Stall: „Ein Kopper kommt mir nicht in die Herde!“ Andere Pferdebesitzer haben Angst, dass sich weitere Pferde das Koppen „abschauen“ könnten. Der Mythos des „ansteckenden“ Koppens konnte bis heute wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Pferde allein durch Abschauen eine Stereotypie entwickeln. Erfahrungsberichte, dass innerhalb einer Herde mehrere Pferde koppen, sind wahrscheinlich auf die gleichen (frustrierenden) Haltungsbedingungen zurückzuführen.

Gibt es denn abgesehen von der psychischen ­Komponente auch physisch gesundheitliche Folgen? Ein klares Jein: Bei den Aufsetzkoppern entwickelt sich ein sogenanntes ­Koppergebiss – die oberen Schneidezähne werden stark abgenutzt. „Die Schneidezähne von Aufsetzkoppern können so stark verändert sein, dass die Tiere Schwierigkeiten bei der Futteraufnahme zeigen, vor allem beim Abbeißen“, erklärt Mag. Zehetner. Des Weiteren kann es bei exzessiven Koppern zu Gewichtsabnahme kommen. „Kopper zeigen manchmal einen minderguten Nährzustand oder gelten als schwerfuttrig. Eine ausbleibende Gewichts­zunahme ist einerseits durch den erhöhten Energiebedarf durch die andauernde Anspannung der Halsmuskulatur und andererseits durch den hohen Zeitaufwand, der für das Koppen anstatt für die Futteraufnahme aufgebracht wird, bedingt. Betroffene Pferde können zwischen 15 und 65 Prozent des Tages mit dem Koppen verbringen“, sagt Mag. ­Zehetner. Man begegnet auch immer wieder der ­Behauptung, diese Stereotypie würde das Auftreten von Magenerkrankungen fördern, jedoch ist es wahrscheinlicher, dass der hohe Stresslevel des Pferdes oder zu viel Kraftfutter zu den Verursachern der Magenerkrankung zählt und das Koppen wiederum die Folge und nicht die Ursache der Magen­pathologie ist. Mag. Zehetner dazu: „Ein häufigeres Auftreten von Magengeschwüren bei koppenden Pferden wurde lange diskutiert, in einer kürzlich veröffentlichten Studie konnte dies jedoch nicht nachgewiesen werden.“ Die Annahme, Pferde würden beim Koppen Luft schlucken, was zu Koliken führe, gilt als widerlegt; der Großteil der Luft gelangt beim Entspannen der Muskulatur wieder nach außen. Bezüglich der Kolikneigung gibt es aber wohl eine Ausnahme: „Eine Kolik aufgrund der Verlagerung von Dünndarmschlingen in das Foramen epiploicum sehen wir zwar selten, aber wenn, dann sind es meist koppende Pferde“, so Mag.  Zehetner.

Doch was tun?

Gibt es Möglichkeiten, dem Pferd das Koppen abzugewöhnen? Und ist dies denn überhaupt nötig? Vom drakonischen Bestrafen des Verhaltens über das Beschmieren der zum Aufsetzen benutzten Gegenstände mit übel schmeckenden Pasten bis zum Einsatz eines (tierschutzrelevanten) Koppriemens – der verbreiteten Methode, bei welcher dem Pferd ein enger Riemen angelegt wird, welcher das Luftschlucken mechanisch und schmerzhaft unterbinden soll – ist viel beschrieben, aber wenig wirksam. Die sogenannte Kopper-OP, wo bestimmte Nerven und Halsmuskeln durchtrennt werden und somit das Anspannen der Muskulatur für das Koppen nicht mehr möglich ist, verhindert das Koppen in einem hohen Prozentsatz erfolgreich – soweit man eben von „erfolgreich“ sprechen kann, denn somit wird dem Pferd die Möglichkeit genommen, Stress abzubauen, der sich durch die OP mit ziemlicher Sicherheit nicht reduziert hat. „Die OP ist nur in seltenen Einzelfällen bei Pferden, die schwere gesundheitliche Folgen aufgrund des Koppens entwickeln, überlegenswert“, sagt Mag. Zehetner. Somit bleibt die einzige und auch einzig sinnvolle Lösung das Finden der Stressursachen und die Behebung ebendieser. Dazu Mag. Zehetner: „Generell sollten Kopper idealerweise permanenten Zugang zu Heu haben und wenig bis gar kein Kraftfutter erhalten. Zusätzlich sollte viel Auslauf in Form von Weidezugang geboten und Sozialkontakte mit anderen Pferden ermöglicht werden. Dies ist insbesondere im Fohlenalter respektive zum Zeitpunkt des Absetzens wichtig. Jegliches Auftreten einer Stereotypie sollte möglichst frühzeitig erkannt und entsprechende Anpassungen von Fütterung und Haltung vorgenommen werden, denn innerhalb der ersten zwölf Wochen nach Beginn kann Koppen reversibel sein.“ Mag. Zehetner betont aber: „Trotz optimierter Haltungs- und Fütterungsbedingungen kommt es oft nur zu einer milden Besserung des Koppens.“ Es ist kaum möglich, einem langjährigen Kopper dieses Verhalten abzugewöhnen, denn aus Gewohnheit wird weitergekoppt. Trotzdem ist es für das Pferd wohl schöner, dies ohne Stress oder Schmerzen zu tun, denn von jeglicher Haltungsoptimierung profitiert das Pferd und somit auch der Mensch.