Betreff:

Stellungnahme der Orthopäden der Universitätsklinik für Wiederkäuer zum Beitrag „Klauen – Ein Thema für den Tierarzt (Teil 1)“ in der Ausgabe 5/2020 des Vetjournals

Sehr geehrte Vetjournal-Redaktion,

mit großer Freude haben wir den Beitrag „Klauen – Ein Thema für den Tierarzt (Teil 1)“ in der Ausgabe 5/2020 des Vetjournals gelesen. Wir teilen die Meinung unbedingt, dass die Behandlung von Klauenerkrankungen auch Sache der praktischen Tierärztinnen und Tierärzte ist. Die studentische Ausbildung an der Vetmeduni Wien zielt darauf ab, Verständnis für die Problematik sowie Grundfähigkeiten zur Prophylaxe und Behandlung von Klauenerkrankungen in der Praxis zu vermitteln.

Leider sehen wir einige Passagen im Inhalt und der Bebilderung des Artikels kritisch, die wir nicht unkommentiert lassen können, da sie zum einen fachlich falsch und zum anderen so einfach nicht dargestellt werden sollten. Wir möchten auf drei Punkte aufmerksam machen:

I. Zwei Aussagen, welche die Klauenpflege betreffen – nämlich „Klauenpflege an der Hinterextremität ist die maximale Reduktion der Außenklaue bis zur leichten Eindrückbarkeit des vorderen Sohlenbereichs“ und „Die zu lange Außenklaue an der […] Hinterextremität ist einer der häufigsten Fehler der Klauenpflege …“ – sind nicht korrekt.

Gemäß der anerkannten Methode nach Toussaint-Raven („5 Schritte“), die seit 1985 weltweit Anwendung findet, ist bei einer durchschnittlich großen und schweren Kuh eine Sohlenhorndicke von 7 mm anzustreben. Bei dieser Dicke kann die Sohle nicht eingedrückt werden. Ein stärkeres Dünnschneiden im Rahmen der Klauenpflege erhöht das Risiko für die Entwicklung eines Sohlenspitzengeschwürs, einer apikalen Weiße-Linie-Infektion sowie einer nachfolgenden Klauenspitzennekrose.

Bei Aussagen über die Länge der Klaue ist es wichtig, den Begriff genau zu definieren. Die Dorsalwand der Klaue wird im Standardfall im Zuge des Schrittes 1 der Klauenpflege auf 7,5 cm gekürzt. In der Laufstallhaltung sind heute selten zu lange Außenklauen (Dorsalwand) ursächlich für Klauendefekte, sondern vielmehr die chronische Druckeinwirkung infolge einer deutlich höheren Außenklaue bedingt durch die Höhe der Trachten.

Das Anpassen der Außenklaue an die Trachtenhöhe der Innenklaue ist nicht bei allen Tieren möglich – vor allem, wenn die Trachtenhöhe der hinteren Innenklaue nicht die physiologische Höhe von 3,5 cm aufweist – und kann somit einen schwerwiegenden Fehler bei der Klauenpflege darstellen.

II. Die Aussage „Sämtliche chirurgischen Interventionen an der Klaue können mit einem guten Rinnmesser besser und sicherer als mit dem Skalpell durchgeführt werden“ können wir in dieser Pauschalität nicht stehen lassen. Ein chirurgisches Besteck gehört zur Grundausstattung des Tierarztes und sollte auch bei Operationen an der Klaue eingesetzt werden. Neben der besseren Eignung eines chirurgischen Bestecks bei Eingriffen, die die Lederhaut oder andere durchblutete Weichteilgewebe betreffen, ist die Sterilität desselben und das damit einhergehende verminderte Risiko einer Wundinfektion ein eindeutiger Vorteil.

III. Die aseptische Vorbereitung von (Venen-)Punktionsstellen und Operationsfeldern (Scheren oder Rasieren mit anschließender Reinigung und Desinfektion) gehört zur tierärztlichen Sorgfaltspflicht.

Auf dem Bild „Punktion der gestauten Zehenvene zur Stauungsanästhesie“ wird dargestellt, wie die Zehenvene durch das nicht geschorene und verschmutzte Fell hindurch punktiert wird. Die vom Autor dargestellte Vorgehensweise erhöht das Risiko einer septischen Thrombose durch den Eintrag von Schmutzkeimen. Solche septischen Thromben neigen dazu, systemisch zu streuen, und können im schlimmsten Fall zum Verlust des Tieres führen.

Im letzten Bild („Unübersichtliches, stark blutendes Operationsfeld […]“) ist ersichtlich, dass das Operationsfeld nicht lege artis vorbereitet wurde. Hier sollten zumindest die Haare im Bereich des Kronsaums geschoren und das mit eingetrocknetem Kot verschmutzte Klauenhorn rund um den Defekt großflächig mechanisch gereinigt und der Bereich gewaschen sowie desinfiziert werden. Die Verwendung von antibiotikahaltigem Blauspray sollte gemäß den Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln durch Einhaltung einer aseptischen OP-Technik auf ein Minimum reduziert werden, um die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen zu vermindern. Uns sind die Herausforderungen in der Praxis bewusst.

Dennoch glauben wir, dass man der Tierärzteschaft mit diesem Artikel keinen Gefallen tut: Er enthält nicht korrekte Informationen und zeigt Bilder, wie wir die Arbeitsweise der österreichischen Nutztierärztinnen und Nutztierärzte, unserer geschätzten Kolleginnen und Kollegen in der Praxis, nicht repräsentiert sehen wollen. Zudem möchten wir zu bedenken geben, dass das Magazin auch an die breitere Öffentlichkeit gelangt – und damit der ­Eindruck entstehen kann, dass österreichische Nutztierpraktiker elementare Grundsätze der tierärztlichen Sorgfalt vernachlässigen. Vonseiten der Redaktion des Vetjournals, des offiziellen Organs der Österreichischen Tierärzte­kammer, erwarten wir in dieser Hinsicht ebenfalls ein höheres Maß an redaktioneller Sorgfalt.

Mit respektvollen Grüßen
Johann Kofler, Birgit Altenbrunner-Martinek und Alexandra Hund
im Namen der Universitätsklinik für Wiederkäuer,
Veterinärmedizinische Universität Wien

Replik:

Bezüglich der erhobenen Vorwürfe möchte ich zu einigen Dingen eine Antwort geben.

1. Klauenlänge

Ich habe betont, dass oberstes Ziel die funktionelle Klauenpflege ist.

Ich habe betont, dass Tierärzte und viele Landwirte unprofessionelle Klauenpfleger sind. Aus dieser Situation hat sich die beschriebene vereinfachte Vorgehensweise, die nunmehr seit sehr vielen Jahren (erfolgreich) umgesetzt wird, entwickelt. In der Praxis müssen in Sachen Klauen-OP die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sich der Aufwand in einem für alle Beteiligten vertretbaren (Zeit-)Rahmen bewegt. Nur so werden Tierärzte ein befriedigendes Honorar verrechnen können und Landwirte die tierärztliche Leistung auch im Sinne des Tierschutzes in Anspruch nehmen.

Die punktuelle Abarbeitung der funktionellen Klauenpflege ist nach meiner langjährigen Erfahrung bei vielen Landwirten nur schwer umsetzbar. Die Arbeit professioneller Klauenpfleger deckt sich in großen Teilen meist mit der Lehrmeinung, wenn auch hier jeder Profi seine eigene Technik entwickelt. Viele Landwirte jedoch, die die Klauenpflege selbst durchführen, haben keinen Klauenkurs absolviert, und auch vielen Tierärzten fehlt die Routine in der Klauenpflege. Es ist den Tierärzten in der Routinepraxis nicht zumutbar, den Landwirten aufwendig die funktionelle Klauenpflege zu erklären. Die von mir im Originalbeitrag geschilderte vereinfachte Erklärung hat sich bewährt und in den Betrieben viele Probleme beheben können. Die Nennung von etlichen in der Folge sehr dankbaren Beispielbetrieben würde den Rahmen dieses Schreiben sprengen, kann aber jederzeit in detaillierter Form nachgeholt werden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Arbeit unter Praxisbedingungen oft nicht deckungsgleich mit der Lehrmeinung übereinstimmt und in vielen Praxen Kompromisse eingegangen werden. Sind diese Kompromisse erfolgreich, müssen sie nicht a priori verwerflich sein! Absoluter Goldstandard ist und bleibt natürlich trotzdem die von der Universität empfohlene Vorgangsweise.

2. Skalpell kontra Rinnmesser und aseptisches Vorgehen
Natürlich habe auch ich jahrelang mit dem Skalpell operiert. Besonders bei Limaxoperationen war die Sache aber für meine Finger teilweise sehr riskant. Wie wir alle wissen, machen Kühe am Kippstand oft trotz gut sitzender Lokalanästhesie immer wieder Reiß- und Stoßbewegungen. Daraus ergibt sich eine nicht unerhebliche Gefahr für den skalpellführenden Tierarzt, aber auch für das Tier.

Nachdem besonders Limaxoperationen mit einem sauberen und gut geschliffenen Klauenmesser einfach, schnell, völlig ungefährlich und vor allem auch erfolgreich durchgeführt wurden, hat sich diese Methode auch bei anderen Klauenoperationen, außer der Amputation, erfolgreich bewährt. An dieser Stelle ist zu betonen, dass auch ein Rinnmesser zu desinfizieren ist und es in der Praxis keinen Unterschied macht, ob der Schnitt mit der scharfen Klinge eines Skalpells oder eines Klauenmessers durchgeführt wird.

In den angehängten Bildern ist ein Limax prä- und postoperativ sowie ein verletzungsbedingter Zwischenklauendefekt zu sehen. Sowohl Limax als auch die Verletzung wurden mit dem Rinnmesser operiert und die Heilung verlief komplikationslos.

Fairerweise muss man bei Anblick der umfangreichen Zwischenklauenwucherung auch über die prinzipielle Möglichkeit einer aseptischen Operation unter Praxisbedingungen diskutieren. Ein aufwendiges Vorgehen, wie unter Klinikbedingungen, ist für uns Praktiker aus vielerlei Gründen nicht möglich und bezahlbar.

Liebe Grüße aus der Praxis,
Franz Kritzinger