Die Integrativmedizin

hat sich etabliert

Mag. Silvia Stefan-Gromen
Abteilungsleiterin Medien und Kommunikation der Österreichischen Tierärztekammer

Am 20. September 2018 fand in der Österreichischen Tierärztekammer (ÖTK) ein Experten-Round-Table zum Thema „Integrativmedizin bzw. Komplementärmedizin“ statt. Um geschlossen gegenüber der Öffentlichkeit auftreten zu können, verständigten sich die Veterinäre auf einen gemeinsamen Forderungskatalog.

Veterinäre unterschiedlicher Disziplinen wie Homöo­pathie, Akupunktur, Neuraltherapie, Traditionelle Chine­sische Medizin (TCM), Chiropraktik, Osteopathie und Phytotherapie kamen zusammen, um eine gemeinsame berufspolitische Ausrichtung sowie den öffentlichkeitswirksamen Wissenstransfer zu diskutieren. 

Das Image der Integrativmedizin erfreue sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit, so der Tenor der Runde. Viele TierbesitzerInnen würden bei ihren praktizierenden TierärztInnen gezielt nach Ergänzungen zur universitär gelehrten „Schulmedizin“ nachfragen. Auch in der veteri­närmedizinischen Ausbildung sei der Zuspruch groß und die Nachfrage steige. Durch hochqualitative Studien könne mittlerweile die Wirksamkeit vieler komplementärer Behandlungen beim Tier belegt werden. Durch den medizinischen Fortschritt lasse sich auch die wissenschaftliche Überprüfbarkeit, die immer im Vordergrund stehe, optimieren. 

Im „European One Health Action Plan“ (­EU-Kommission) [1] gegen die Antibiotikaresistenzproblematik werde die Komplementärmedizin als ein potenzieller Lösungsansatz genannt, Forschung in diesem Bereich gefordert und Unterstützung vonseiten der EU-Kommission zugesagt. 

Und dennoch müssen Integrativmediziner mit Gegenwind und Kritik, auch aus den eigenen Reihen, kämpfen. Begleitet von persönlichen Angriffen und Diffamierungen, ja sogar auch Drohungen (meist mittels sozialer Medien), werde versucht, die Veterinäre einzuschüchtern. Die Expertenrunde kam zum Schluss, dies nicht länger tatenlos hinzunehmen. 

Diskussion auf Augenhöhe

„Wir Integrativmediziner sind akademisch ­ausgebildete TierärztInnen, die auf Basis ihres schulmedizinischen Wissens auch Methoden der Komplementärmedizin anwenden. Jede Fachrichtung der Integrativmedizin ist eine ernst zu nehmende Disziplin. Die Anwendungen und Techniken haben sich etabliert und ihren berechtigten Platz in der Veterinärmedizin eingenommen – eine enge Zusammenarbeit von Universität und Praxis sollte auch hier ein bewährtes Fundament bilden“, so Dr. Petra Weier­mayer, Pferdetierärztin, Diplom der Europäischen Akademie für Veterinärmedizinische Homöopathie (EAVH), Generalsekretärin der International Association for Veterinary Homeopathy (IAVH) und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Veterinärmedizinische Homöopathie (ÖGVH)

Dem pflichtete auch Kammerpräsident Mag. Kurt Frühwirth bei und sprach sich für eine breite Unterstützung aus. Ihm sei es ein Anliegen, die sogenannten ganzheitlichen ­Methoden ­noch tiefer in der Tierärzteschaft  zu verankern. Diese medizinische Ausrichtung fußt auf einer fundierten Argumentation. Unser Ziel ist es, die VeterinärmedizinerInnen zu bestärken und die entsprechenden beruflichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das ist der klassische Auftrag einer Berufsvertretung.“ Zudem hätten nur TierärztInnen die Berechtigung, die Diagnose am Tier zu stellen, und diese stehe nun mal am Anfang jeder Therapie. 

Dr. Harald Pothmann, Präsident der ÖGT (Österreichische Gesellschaft für Tierärztinnen und ­Tierärzte), dazu: „Die Zugangsweise ergibt sich aus der Diagnose. Als Veterinärmediziner sind wir bei der Wahl der Therapie frei und entscheiden eigenständig, welcher medizinische Weg sinnvoll ist.“ Wichtig wäre, dass für die Klienten klar ersichtlich ist, dass die TierärztInnen top qualifiziert für die angebotenen Methoden der integrativen Medizin sind (als FachtierärztInnen, mit Diplom der ÖTK bzw. einem Zertifikat/Diplom eines/r von der ÖTK anerkannten Ausbildungsvereins/Institution/Organisation). Das ­würde so mancher Kritik entgegensteuern (Schlagwörter wie Scharlatanerie, Hokuspokus etc). Auch Genetikerin Dr. Irene Sommerfeld-Stur ist der Meinung, dass nur ein ausgebildeter Tierarzt, eine ausgebildete Tierärztin die Berechtigung haben sollte, nach einer ordentlichen Anam­nese einen therapeutischen Ansatz zu wählen – „Laien wie TierheilpraktikerInnen haben dazu weder das Wissen noch das fachliche Urteilsvermögen.“

 

Die Fachtierärztin für Homöopathie Dr. Barbara Wieser, die nach einem Auslandsaufenthalt in Großbritannien wieder nach Österreich gezogen ist, weiß, wie wichtig die akademische Ausbildung im Praxisalltag ist: „Um qualifiziert arbeiten zu können, braucht man eine akademische Ausbildung auf hohem Niveau und keine Wochenendkurse für Laien. Wir brauchen auch an der Uni die Aufnahme der Integrativmedizin in den Lehrplan der akademischen Ausbildung sowie neben den anerkannten privaten Ausbildungszentren auch universitäre postgraduale Weiterbildungsmöglichkeiten“, so Wieser.

Dr. Andreas Zohmann, Vorsitzender der Fachtierarztprüfungskommission für Akupunktur und Neuraltherapie, bekräftigt auch, dass dieser Bereich unbedingt von Tierärzten abgedeckt werden muss, und sieht hier die Universität gefordert: „Wir dürfen das Feld nicht anderen überlassen. Es ist Aufgabe der Universität, die Studierenden über alle Bereiche adäquat zu informieren.“

Dr. Petra Peer, Fachtierärztin für Chiropraktik, ergänzt Dr. Wiesers Aussage: „Neben dem universitären Curriculum muss auch eine Ausbildung von anerkannten privaten Institutionen bestehen bleiben.“ Dennoch war sich die Gesprächsrunde einig, dass es Ziel sein muss, die Integrativmedizin an der Vetmeduni in Wien zu halten und auszubauen. Dazu Dipl.-Tzt. Christine Kranabetter, Vorsitzende der ÖGT-Sektion ­Ganzheitsmedizin: „Es soll ein Miteinander und kein Gegeneinander ­zwischen Integrativ- und Schulmedizin sein.“

Auch auf die Nachwuchsförderung dürfe man nicht vergessen: „Das muss über die aktive Wissensvermittlung passieren, denn die Integrativmedizin ist ein zunehmend nachgefragter Bereich“, sagt die auf Homöopathie spezialisierte Kleintierärztin Dr. Claudia Halmer. „Gerade breit angelegte Informationen helfen auch, Unwahrheiten, etwa dass Integrativmediziner Impfgegner seien, aktiv zu unterbinden“, so Dr. Doris Gansinger, Fachtierärztin für Geflügel, Mitglied der Phytovetgruppe und Vortragende des postgradualen Curriculums für Phytotherapie.

Weiters wurde vereinbart am 17. 5. 2019, einen Tag vor der 100-Jahr-Feier der ÖGT sowie der 30-Jahr-Feier der Sektion Ganzheitsmedizin, einen gemeinsamen „Tag der Integrativmedizin“ zu gestalten.

Abschließend verständigten sich alle Beteiligten auf einen gemeinsamen Forderungskatalog, um geschlossen gegenüber der Öffentlichkeit auftreten zu können.

Referenzen: [1] ec.europa.eu/health/amr/sites/amr/files/amr_action_plan_2017_en.pdf. Last access: January 21, 2018. EUROPEAN COMMISSION. A European One Health Action Plan against Antimicrobial Resistance (AMR).