Hunde: Ist der Maulkorb ein Mittel zur Bissprävention?

S. Chvala-Mannsberger1, M. Forster4, B. Schöning5 und R. Binder1,2,3

Die „Wiener Tierärztliche Monatsschrift“ (110 / 2023, 10. Februar 2023) veröffentlichte Anfang des Jahres Ergebnisse einer Umfrage unter Hundetrainer*innen über Verletzungen, die durch maulkorbtragende Hunde verursacht wurden. Die Untersuchung ging der Frage nach, ob bestimmte, häufig verwendete Maulkorb­typen tatsächlich so sicher sind, wie häufig angenommen wird. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Studie.

Die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund gilt als einzigartig, wird weithin als Bereicherung des menschlichen Lebens betrachtet und als Geschenk der Evolution bezeichnet (Pörtl & Jung 2014).

Manche Verhaltensforscher halten es in Anbetracht der Besonderheiten dieser Beziehung sogar für „unpassend, Hunde als Tiere zu bezeichnen“ (Kotrschal 2016). Trotz dieser außerordentlich positiven und wohl auch etwas überspitzten Beschreibung der Mensch-Hund-Beziehung sorgten Konflikte zwischen Mensch und Hund in den letzten Jahrzehnten zu einer Polarisierung der Gesellschaft und in der Folge auch zu einer Verschärfung der sicherheitspolizeilichen Hundegesetzgebung. Dabei liegt der Fokus häufig auf bestimmten Hunderassen (Ó Súilleabháin 2015; Nilson et al. 2018), obwohl die Rechtfertigung rassespezifischer Maßnahmen aus wissenschaftlicher Sicht zu bezweifeln ist (Collier 2006; Ott et al. 2008; Overall 2010; Creedon & Ó Súilleabháin 2017; Hammond et al. 2022).

Die Ursache für derartige legistische Maßnahmen waren und sind Beißvorfälle, die zu Verletzungen führten und in einigen Fällen auch letal endeten (Sacks et al. 1996; Reuhl et al. 2001; Binder & Affenzeller 2019). Neben Wund­infektionen stellt die Übertragung der Tollwut durch einen Hundebiss eine weitere Gefahr für den Menschen dar (De Nardo et al. 2018; Dhayhi et al. 2019). Das Risiko, von einem Hund gebissen zu werden, ist bei Angehörigen bestimmter Berufsgruppen (z. B. Tierärzte, Tierpfleger und Jäger) besonders hoch; sie werden überwiegend im ­Bereich der oberen oder unteren Extremitäten verletzt ­(Jacobs 2013; Owczarczak-Garstecka et al. 2019). 

Zusammenfassung

Eine historische Betrachtung der Entwicklung von Maulkörben zeigt, dass die im geltenden Tierschutz- und Sicherheitspolizeirecht verankerten Anforderungen an dieses Hilfsmittel bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts thematisiert wurden. Da Maulkörbe als wirksames Mittel zur Bissprävention gelten, ordnen die sicherheitspolizeilichen Bestimmungen z. T. sehr weitreichende Verpflichtungen an, Hunde im öffentlichen Raum mit Maulkörben zu versehen. 

Ziel dieser Studie war es, erste Informationen über Probleme im Zusammenhang mit der Sicherheit von Maulkörben bzw. einzelnen Maulkorbtypen zu erheben. In einer 2022 durchgeführten Umfrage unter Hundetrainern und Tierärzten in Österreich und Deutschland wurden Informationen über Vorfälle erhoben, in welchen maulkorb­tragende Hunde eine (Biss-)Verletzung verursacht haben. Weiters wurden Informationen darüber erhoben, wie beliebt verschiedene Maulkorbtypen bei Hundehaltern sind und wie häufig sie von Hundetrainern empfohlen werden. Es wurde über 63 Vorfälle mit maulkorbtragenden Hunden berichtet, die zu einem Biss oder einer sonstigen Verletzung eines Menschen oder eines anderen Tiers geführt haben. Während des (Beiß-)Vorfalls trugen die Hunde Maulkörbe aus Biothane (27 %), gefolgt von Maul­körben aus Leder (25,4 %), aus Metall (22,2 %) oder Hart­plastik (9,5 %). Bissverletzungen mit Perforation der Haut oder auch tiefer liegender Gewebeschichten lagen bei Maul­körben aus Biothane und Hartplastik bei über 60 %, während bei Maulkörben aus Leder Verletzungen ohne Gewebe­perforation in über 50 % überwogen und Maulkörbe aus Metall überwiegend zu Schlagverletzungen (78,6 %) führten. Hundehalter verfügten bei Erstkonsultationen meist über Maulkörbe aus Hartplastik, gefolgt von Maulkörben aus Biothane und Metall. Die Hundetrainer empfehlen bevorzugt Maulkörbe aus Biothane, gefolgt von Maulkörben aus Metall und Hartplastik. 

Die hier vorgestellte Studie hat gezeigt, dass die Sicherheit einzelner Maulkorbtypen z. T. überschätzt wird, da Hunde trotz Maulkorbs Bissverletzungen verursachen können und auch im Hinblick auf den Schweregrad einer (Biss-)Verletzung Unterschiede zwischen verschiedenen Maulkorbtypen bestehen. Nach den Ergebnissen dieser Studie sollten für Hunde mit einem Körpergewicht ab ca. 20 kg Gittermaulkörbe aus Metall empfohlen werden.

Ethik- und Tierschutzkommission1 der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Informations- und Dokumentationsstelle für Tierschutz- & Veterinärrecht2 und Institut für Tierschutzwissenschaften und Tierhaltung3, Department für Nutztiere und öffentliches Gesundheitswesen in der Veterinärmedizin, Veterinärmedizinische Universität Wien; Stabsstelle für Qualitätsentwicklung, Evaluierung und strategische Projekte4 der Veterinärmedizinischen Universität Wien; Tierärztliche Praxis für Verhaltensmedizin, Hamburg

 

Quelle: www.wtm.at