Stress und Stressmanagement

bei TierärztInnen und tierärzten

Univ.-Doz. Dr. Birgit U. Stetina
Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin
Vorständin der psychologischen Universitätsambulanz
der Sigmund Freud Privatuniversität

Lisa Emmett, MSc.
Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin
Koordinatorin der Mensch-Tier-Ambulanz der psychologischen
Universitätsambulanz der Sigmund Freud Privatuniversität

Veterinäre zählen wie auch andere helfende Berufe zu einer vulnerablen Gruppe hinsichtlich der Entstehung psychischer Erkrankungen, unter anderem aufgrund ihres stressbehafteten Alltags. Neben Faktoren wie beispielsweise einem hohen Arbeitspensum sowie unangemessener Entlohnung spielen in diesem Zusammenhang offensichtlich inadäquate soziale und emotionale Kompetenzen eine wesentliche Rolle. Die Vermittlung von Kommunikationskompetenzen in Form von Seminaren und die Eingliederung von supervisorischen Elementen im Rahmen von Aus- und Fortbildung werden sowohl als fachliche Notwendigkeit als auch als Präventionsmöglichkeit für Stress betrachtet. 

Stress ist bei helfenden Berufen wie zum Beispiel PsychologInnen oder ÄrztInnen ein zunehmendes Problem. Dieses kann sich sowohl negativ auf das Wohlbefinden der Betroffenen als auch auf deren berufliche Leistung auswirken. Studien weisen zudem darauf hin, dass Vete­r­inäre dazu tendieren, vermehrt negative Stressbewältigungsstrategien einzusetzen (z. B. Grübeln), im Gegensatz zu positiven Stressbewältigungsstrategien (z. B. positive Selbstinstruktion) (Stetina et al., 2018). Eine Veränderung der Stressverarbeitungsstrategien ist durch Training, Beratung und/oder Behandlung in sehr ­vielen Fällen allerdings gut möglich. Es scheitert daher an ­Aspekten auf anderen Ebenen. 

Neben den genannten Faktoren scheinen unter anderem das hohe Arbeitspensum, inadäquates Einkommen sowie eine Unausgeglichenheit der Work-Life-Balance zu weiteren Stressoren des tierärztlichen Alltags zu zählen.

Besteht über eine längere Zeitperiode hinweg chronischer Stress, kann sich dieser wesentlich auf den menschlichen Gesundheitszustand auswirken. Folgende Erkrankungen können unter anderem in engem Zusammenhang mit chronischem Stress stehen: Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsstörungen, erhöhtes Schmerzerleben, erhöhter Cholesterinspiegel sowie Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit (Kaluza, 2015). ­Letzteres hat selbstverständlich wesentlichen Einfluss auf die ­Bereitstellung der medizinischen Leistung. 

Tatsache ist, dass der Alltag von TierärztInnen unter ­anderem auch potenziell traumatisierende Ereignisse ­beinhaltet, wie zum Beispiel die Euthanasie von ­Tieren. In diesem Fall werden Veterinäre ebenso mit einer Doppel­belastung konfrontiert, indem sie die Entscheidung über das Leben eines Lebewesens treffen und gleichzeitig den Verlust eines Familienmitglieds begleiten sowie ­Krisenintervention bei den Angehörigen einsetzen. 

An dieser Stelle wird auch deutlich, wie komplex und fordernd zugleich sich die veterinärmedizinische Tätigkeit gestaltet, da einerseits ein hohes Engagement (sozial und emotional) gezeigt wird und dieses auch notwendig für eine erfolgreiche Behandlung ist (Vertrauen in die fachliche Expertise und die darauf basierenden empfohlenen Interventionen), andererseits jedoch genau diese Kompetenz die Gefahr in sich birgt, sich zu sehr einzulassen, was die Folge hat, die eigene Stabilität (wenn auch unbewusst) zu riskieren. Darüber hinaus bezieht sich dieses Engagement selbstverständlich auf mindestens zwei Lebewesen, nämlich Mensch und Tier. Anhand des zuvor angeführten Beispiels wird erkennbar, dass diese Erlebnisse durchaus zu emotionaler Überforderung führen und auch die eigene psychische Stabilität beeinträchtigen können. Eine Voraussetzung dafür stellen defizitäre Stressbewältigungsstrategien dar. 

Richtig Kommunizieren

Die Kommunikationskompetenz, also die Vermittlung von Informationen an KlientInnen und die Aufnahme dieser von KlientInnen, sowie deren sachgerechte Bewertung innerhalb der tierärztlichen Profession scheint wesentlich für eine erfolgreiche Berufsausübung zu sein. Andererseits kann ein Defizit dieser in enger Verbindung mit Stress und Belastung stehen. Dieser Umstand bezieht sich sowohl auf interne Kommunikation (u. a. Analyse der Optionen der Praxis, Planung von Vorhaben) als auch auf die externe Kommunikation (Patienten). Ersteres bildet beispielsweise eine wesentliche Grundlage für die Kommunikation mit PatientInnen in Form einer beratenden Tätigkeit (Kleen & Rehage, 2008).

Im Rahmen der Kommunikation mit Patienten erscheint es in der Profession als TierärztIn beispielsweise sinnvoll, sich neben Kommunikationstheorien, die sich auf die Tatsache beziehen, dass eine Nachricht auf verschiedenen Ebenen gesendet und empfangen werden kann,  auch Wissen im Hinblick auf nonverbale Elemente des Kommunikationsprozesses anzueignen, um auch nicht ausgesprochene Bedürfnisse, Sorgen oder Anliegen wahrzunehmen und dementsprechend im Patientenkontakt agieren zu können. 

Supervision ist bei helfenden Berufen sinnvoll

Im Gegensatz zu ÄrztInnen sind bei anderen helfenden Berufen wie zum Beispiel bei PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen fachgeleitete Supervisionseinheiten im Zuge der Ausbildung gesetzlich geregelt und verpflichtend. Diese Form der Bereitstellung von Wissen und Kompetenz durch erfahrene ExpertInnen zur Sicherstellung der adäquaten Durchführung von Behandlungen fungiert als wesentliche Maßnahme zur Evaluation und Qualitätssicherung. Wie bei allen helfenden -Berufen – und somit auch bei TierärztInnen, welche mit großer Wahrscheinlichkeit mit sehr belastenden Situationen in Berührung kommen – kann dieses Angebot insbesondere Berufsanfänger dabei unterstützen, einen geeigneten, gesunden Umgang mit dem Erlebten im Austausch mit erfahrenen ProfessionistInnen zu finden. Die -Inanspruchnahme dieses Angebots kann wie gesagt neben dem wesentlichen Ziel der Sicherung von Qualität ebenso zur Vorbeugung von Erschöpfung beitragen. 

Wie bereits zuvor erwähnt, stellen derartige Kompetenzen eine fachliche Notwendigkeit dar, da diese unter anderem für eine erfolgreiche Praxisführung als essenziell gelten und offensichtlich zur Prävention von Erschöpfungserscheinungen bzw. Stress beitragen. Gleichzeitig ist es wichtig, zu erwähnen, dass derartige Kompetenz-bereiche beispielsweise in Form von Seminaren oder Trainingseinheiten entwickelt und gefördert werden können. Auf diesem Weg wird es möglich, neben umfassendem theoretischem Wissen auch praktisch an die alltäglichen Herausforderungen dieses großartigen Berufs heranzuführen.

Quellen

Kaluza, G. (2015): Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. Springer-Verlag.
Kleen, J. L., & Rehage, J. (2008): Kommunikationskompetenz in der tierärztlichen Praxis. Tierärztliche Praxis Großtiere, 36(5), 293–297
Stetina, B. U., Aden, J., Bunina, A., Emmett, L., Klaps, A., Meric, B., & Kovacovsky, Z: Distract More – Ruminate Less! Coping Strategies in Female Vets. Presentation at the 27th International conference: Animals in Our Lives: Multidisciplinary Approaches to the Study of Human–Animal Interactions. July 2nd–5th, 2018, Sydney, Australia.