7 Fragen an...

Dr. Ernst und Dr. Judith Leidinger

Mag. Eva Kaiserseder

„Laborarbeit ist ein bisschen wie ein Puzzle!“

Blutprobe eingeschickt – und dann? Ernst und Judith ­Leidinger widmen sich seit Jahrzehnten intensiv und mit viel Engagement dieser oft als trocken bezeichneten Materie, erzählen vom Tun hinter den Kulissen und erklären, warum und wo man Detektivarbeit leisten muss. 

Sie sind Diplomate des European College of Veterinary Clinical Pathology – wann hat sich der Wunsch nach Vertiefung in diesem Gebiet bei Ihnen geregt?
Ernst Leidinger: Der Wunsch nach Vertiefung wird natürlich stärker, je mehr man sich in dem Fachgebiet einarbeitet. Anfang 2000 sind in Europa die ersten Spezialisten-Colleges gegründet worden. Das war natürlich eine willkommene Gelegenheit, in diesem Rahmen eine weitere Spezialisierung zu versuchen.

Hand aufs Herz: Stellen Sie sich die Patienten bzw. den Patientenbesitzer zu den Proben vor oder eher nicht? 
Ernst Leidinger: Nein, eher nicht. Manchmal kommen allerdings Patientenbesitzer mitsamt den Patienten, um Proben abzugeben. Dann hat man natürlich das Bild vor Augen. 
Judith Leidinger: Häufiger den Patienten als dessen Besitzer, denn mit Letzterem habe ich ja nur selten unmittelbar zu tun. Wenn prognostisch sehr schlechte Laborwerte vorliegen, dann denke ich schon daran, wie es dem Patienten derzeit gehen könnte. Auf der anderen Seite freue ich mich unheimlich, wenn ich bei einem wirklich alten Tier z. B. top Nierenwerte finde. Dann überlege ich mir manchmal auch, wie der Hunde-, Katzen- oder Pferde-­Opi wohl ausschauen könnte. 

Labordiagnostik dürfte ja hin und wieder etwas Detektivisches an sich haben. Was waren Ihre Fallhighlights als Sherlock Holmes? 
Ernst Leidinger: Die Frage nach einzelnen Highlights gebe ich besser an meine Frau weiter. Allerdings haben wir eine große Fallsammlung mit zytologischen und hämatologischen Präparaten und den dazugehörigen Befunden. Unter diesen sind auch einige Raritäten zu finden, die man meist nur einmal in seinem Arbeitsleben sieht. Diese Datenbank steht auch unseren Residents und BMAs zu Trainingszwecken zur Verfügung. Wirklich inter­essante Fälle versuchen wir, gelegentlich auch zu publizieren. 
Judith Leidinger: Spontan fallen mir drei Fälle ein. Bei dem einen handelte es sich um einen Kleinhund mit einer persistierenden normoglykämischen Glukosurie, bei dem wir in Österreich den ersten Fall eines erworbenen Fankoni-­Syndroms, ausgelöst durch die Fütterung von Chicken Jerky Treats, diagnostizieren und dann in Folge zusammen mit der überweisenden Tierklinik auch publizieren konnten. Das Zweite war ein Pferd mit einer unerklärlichen großflächigen, nicht entzündlichen Alopezie. Nach Ausschluss verschiedener infrage kommender Ursachen wurde nach Erstellung eines Trichogramms die Verdachtsdiagnose „telogenes Effluvium“ geäußert. Ein harmloses Geschehen, welches ohne Therapie abheilt. Genauso war es dann auch. Oder der Fall eines acht Jahre alten Hundes, der mehrere Blasensteinoperationen hinter sich hatte und lange Zeit auf Verdacht eine Struvitdiät erhielt, bis der letzte Stein auf Anraten des Labors einer Harnsteinanalyse zugeführt wurde. Es stellte sich heraus, dass es sich um Ammoniumurat handelt. Weitere Untersuchungen ergaben eine verminderte Leberfunktion, und mittels Ultraschall wurde schluss­endlich ein portosystemischer Shunt diagnostiziert. Die Erarbeitung von interessanten, speziellen Fällen ist nur durch eine gute Zusammenarbeit mit den einsendenden TierärztInnen möglich, und ich freue mich immer, wenn man ­KollegInnen für labordiagnostische Detektivarbeit begeistern kann.

Und Aha-Erlebnisse, als Laborwerte eine an sich klar scheinende Diagnose noch einmal so richtig umgedreht haben? 
Ernst Leidinger: Das kommt natürlich relativ häufig vor. Vor allem bei hämatologischen Befunden ist es oft der Fall, dass man eine scheinbar klare Diagnose durch einige zusätzliche Parameter wie Gesamteiweiß oder Retikulozyten bzw. durch einen simplen Blick in das Mikroskop umdrehen kann. 
Judith Leidinger: Es kommt schon vor, dass man einmal in die falsche Richtung denkt. Das „Problem“ ist ja, dass wir im Labor den Patienten nie sehen und leider nicht immer ein aussagekräftiger Vorbericht vorliegt. Gleiche Zahlenwerte können sehr Unterschiedliches bedeuten – und das ist auch der Grund, warum wir – außer in wirklich klaren Fällen – routinemäßig keine Diagnosen unter unsere Befunde schreiben. 

Gibt es Proben, vor denen Ihnen so richtig ekelt? Oder sind Sie da mittlerweile abgebrüht? 
Ernst Leidinger: Nein, eigentlich nicht. Zur Not gibt es ja auch Latexhandschuhe. Das Demonstratorenzimmer auf der alten Vetmeduni war über dem Sektionssaal der Pathologie untergebracht. Damals – vor allem im Sommer –hat schon ein gewisser olfaktorischer Gewöhnungseffekt eingesetzt. 
Judith Leidinger: Spontan wüsste ich kein Proben­material, vor dem mir von vornherein grausen würde. Aber wenn z. B. schlecht verpackte Kotproben ankommen, die sich beim Auspacken „malerisch“ über Versandgefäß, Einsendungsbogen usw. verteilen, dann ist es manchmal für meine Mitarbeiter kaum zumutbar. Zumal wir für jegliches Probenmaterial sicheres Verpackungsmaterial gratis zur Verfügung stellen.

Was macht Labordiagnostik faszinierend? 
Ernst Leidinger: Das Faszinierende an der Labordia­gnostik ist für mich, dass sie eine Mischung aus morphologischer Diagnostik, Arbeiten mit Analysegeräten sowie Statistik für die Qualitätskontrolle darstellt. In letzter Zeit sind auch einige interessante neue Parameter wie SDMA dazugekommen, die die Labordiagnostik beeinflussen werden. Wir haben auch seit vielen Jahren im Labor eine ISO-Zertifizierung. Diese sorgt für klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Das Qualitätsmanagement­system ist sozusagen der Überbau für unsere Tätigkeiten.
Judith Leidinger: Labormedizin ist ein bisschen wie Puzzlelegen, zuerst hat man nur einzelne Teile, dann entsteht zunehmend ein Bild, aus Zahlen werden mögliche Diagnosen. Der Vorteil bei INVITRO ist, dass alle unsere Tierärzte auch in der Routinediagnose eingesetzt sind und wir dadurch sehr nah am Kunden sind, d. h., wenn ich z. B. etwas Interessantes oder auch Unklares im Mikroskop sehe, dann rufe ich oft unmittelbar – das Präparat liegt noch unter dem Mikroskop – die  einsendenden Kollegen an. Daraus ergeben sich regelmäßig sehr produktive Gespräche. Es freut mich aber auch immer, wenn aus einem „Zufallsbefund“ eine Diagnose entsteht. Zum Beispiel habe ich letztens bei einer Routineuntersuchung vor Entwurmung einer jungen Freigängerkatze Lungenwurmlarven in der Kotprobe entdeckt. Die einsendende Kollegin hat mich am nächsten Tag kontaktiert – überrascht von der Diagnose, aber auch erfreut, denn das war die Erklärung für das unregelmäßige Husten der Katze, dem bisher nicht viel Beachtung geschenkt worden war.

Sind Sie jemand, der die Arbeit geistig mit nach Hause nimmt, oder können Sie abschalten?  
Ernst Leidinger: Man nimmt natürlich häufig Arbeit mit nach Hause. Das betrifft vor allem auch das Lesen von Fachartikeln; dazu bleibt im Labor einfach keine Zeit. Im Urlaub hingegen kann ich sehr rasch abschalten. 
Judith Leidinger: Ich habe es eigentlich in 20 Jahren nur selten geschafft, die Arbeit im Labor zu lassen. Interessante Fälle recherchieren, „Vergessenes“ wieder auf­frischen, Vorbereitungen für einen Vortrag – dazu ist der Tag im Labor einfach zu kurz. In meinem Auto liegt seit geraumer Zeit ein Diktafon im Handschuhfach, weil mir beim Fahren oft die besten Ideen kommen, die ich natürlich dann in der Sekunde nicht aufschreiben kann, sie aber bis zum Ende der Fahrt schon vergessen habe. Das passiert jetzt nicht mehr.